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Hundert Tage im Amt:Angekommen in Zimmer 31

Auf Abstand: Gräfelfings Bürgermeister Peter Köstler zeigt einer Schulklasse das Rathaus und sein Arbeitszimmer. Drinnen wurden dann die Masken aufgesetzt.

(Foto: Robert Haas)

Zwölf Jahre lang war Peter Köstler (CSU) Vize im Rathaus, nun will er als Amtschef die Geschicke der Gemeinde gestalten.

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Es gab da diesen einen Moment in einer vergangenen Sitzung des Bauausschusses, der stand sinnbildlich für die Amtsauffassung von Peter Köstler (CSU), dem neuen Gräfelfinger Bürgermeister. Die Fraktionen der Grünen/Unabhängige Liste und der SPD wollten erneut eine Debatte über die Standortfrage der neuen Turn- und Schwimmhalle anzetteln. Der Bürgermeister winkte entschieden ab. Die Debatte sei geführt worden, die Grundsatzentscheidung im Gemeinderat längst gefallen, einer erneuten Diskussion wollte er keinen Raum geben. "Wenn ich überzeugt von einem Projekt bin, gehe ich den Weg weiter", sagt Köstler. Er begreift sein Amt als Gestalter: Themen und Zielrichtung vorgeben, dann um Mehrheiten ringen. Diese Haltung ist es, mit der er auch Bürgermeister geworden ist.

Seit 100 Tagen sitzt Peter Köstler auf dem Chefsessel im Rathaus, eben weil er seinen Weg konsequent weitergegangen ist. Seit 2002 ist er Gemeinderat, seit 2008 war er Zweiter Bürgermeister. Im Laufe der Jahre ist der Wunsch gewachsen, mehr Einfluss zu nehmen auf die Entwicklung des Ortes, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Bei der Kommunalwahl 2014 trat er zum ersten Mal für das Amt des Bürgermeisters an und verfehlte es in der Stichwahl knapp gegen seine Kontrahentin Uta Wüst (Interessengemeinschaft Gartenstadt Gräfelfing). Doch Köstler ließ sich dadurch nicht beirren, er gab nicht auf, sechs Jahre lang bezog er aus der zweiten Reihe immer wieder klar Stellung zu kommunalen Themen, übte sich als Zweiter Bürgermeister in der Rolle des Sitzungsleiters, wenn die Chefin verhindert war. Bei der Kommunalwahl im März trat er dann zum zweiten Mal an, diesmal mit Erfolg. In der Stichwahl konnte er 152 Stimmen mehr für sich verbuchen als die Amtsinhaberin. Im Mai packte er ein paar Kisten und zog aus seinem Büro im zweiten Stock, Zimmer 37 im Rathaus, in den ersten Stock um, in das Amtszimmer des Bürgermeisters, Zimmer 31. Hier ist er erst mal angekommen.

Die Freude über diesen Wahlsieg, der viele überrascht hat, verlieh ihm Schwung, "Schwung, der mich Tag für Tag trägt", sagt Köstler. Den braucht er auch, denn eine Einarbeitungsphase war nicht vorgesehen. Bis 30. April war er Verwaltungsleiter bei der Erzdiözese München-Freising, vom 1. Mai an Bürgermeister. Dass er zwölf Jahre lang Zweiter Bürgermeister war, hat in den ersten Wochen geholfen. Abläufe in der Verwaltung sind ihm vertraut, und er selbst den Mitarbeitern auch. Der Übergang im Haus ging "geräuschlos", wie er sagt. Jeden Montag gibt es eine zweistündige Runde mit allen Amtsleitern, um die aktuellen Themen zu besprechen. Gleich in den ersten 100 Tagen ging es an Kernthemen, die wegweisende Entscheidungen im Gemeinderat gefordert haben: die Verabschiedung des Zukunftskonzepts des neu zu bauenden Alten- und Pflegeheims Rudolf-und-Maria Gunst-Haus, der Beschluss zu weiteren Planungsphasen der Turn- und Schwimmhalle und den Bebauungsplan für das Postgrundstück am Jahnplatz auf den Weg bringen. Alles Gräfelfinger Ewigkeitsthemen. Dass sie jetzt eine bedeutende Runde weiter sind, geht auch auf die Vorarbeit des vorherigen Gemeinderats zurück, betont Köstler. Dass die komplette Konzeptüberarbeitung des Pflegeheimbaus in knappester Zeit möglich wurde - "fristgerecht kanalisiert", wie er sagt, schreibt er sich aber selbst zu.

Präsent sein, gestalten, klare Position beziehen - das ist sein roter Faden als Bürgermeister und der wird auch in den Gemeinderatssitzungen sichtbar. Neu ist, dass es zu allen Tagesordnungspunkten Beschlussvorschläge der Verwaltung gibt. Offen für Debatten, aber Weg und Ziel vorgeben, das ist der Dreiklang seiner Sitzungsleitung. Das birgt auch die Gefahr zu scheitern, wenn seine Ziele keine Mehrheit finden. "Dem muss man sich stellen", findet Köstler. Aber das sei ehrlich. Köstler fühlt sich wohl auf seinem Posten. Dass der Chefsessel nicht immer bequem ist, weiß er. Große Herausforderungen stehen an: die angestoßenen Projekte weiterführen, wenn nötig auch gegen Widerstände - zum Turnhallenstandort gibt es inzwischen ein Bürgerbegehren. Und Antworten finden auf die Themen Verkehr und Lärm gehört in den nächsten Monaten und Jahren dazu. Das größte Fragezeichen steht gerade hinter der geplanten Entlastungsstraße entlang des Gewerbegebiets. Sie wurde im Kreistag abgelehnt und auch im Gemeinderat bleibt sie trotz Grundsatzbeschluss zum Straßenbau heftig umstritten. Es sei seine große Sommeraufgabe, hier eine Idee zu entwickeln, wie die Straße erneut "aufgegleist" werden kann, sagt Köstler. Manchmal sind Wege auch steinig für einen Gestalter.

© SZ vom 08.08.2020
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