Humanitäre Mode:Nadelstiche gegen das Trauma

Humanitäre Mode: Die Designerin Teresa Göppel entwirft in ihrem Münchner Atelier Mode, die sie dann in Mumbai von traumatisierten Frauen schneidern lässt.

Die Designerin Teresa Göppel entwirft in ihrem Münchner Atelier Mode, die sie dann in Mumbai von traumatisierten Frauen schneidern lässt.

(Foto: Catherina Hess)

Die Münchnerin Teresa Göppel beschäftigt Zwangsprostituierte aus Indien als Näherinnen - und will mit ihrer Mode die Welt verbessern.

Von Franziska Gerlach

Man kann erahnen, dass die Fotos in Indien entstanden sind: Ein schwarzer Haarschopf, ein bunter Sari, ein Ventilator zeugt von der Schwüle, die sich an manchen Tagen in der Werkstatt ausbreiten kann. Doch weil die Näherinnen Angst haben, sich fotografieren zu lassen, sieht man zwischen Garnrollen und Scheren immer nur ein Gesicht: Es gehört Teresa Göppel. In ihrem Münchner Atelier an der Brudermühlstraße zeigt die 31-jährige Designerin die Bilder auf ihrem Notebook. Glimpse heißt das Label, für das in Mumbai geschneidert wird, was Göppel in München entworfen hat - von 15 ehemaligen Zwangsprostituierten.

Zweimal im Jahr fliegt die Modemacherin Göppel nach Indien, um zu erklären, worauf es beim Nähen der legeren Hemden, Röcke, Hosen und Tops ankommt. Keine leichte Aufgabe, denn die Strukturen eines geregelten Arbeitstages sind den traumatisierten Frauen zumeist fremd. Mit falschen Versprechungen in die Bordelle gelockt oder von ihren Familien dorthin verkauft, getrieben von Armut und der Hoffnung auf ein besseres Leben, haben die meisten von ihnen bereits fürchterliche Erfahrungen gemacht, wenn sie das erste Mal Nadel und Faden zur Hand nehmen - misshandelt, gefangen gehalten, unter Drogen gesetzt. Umso mehr ist Teresa Göppel stolz auf die Leistung der Näherinnen.

"Wir versuchen, einfache Schnitte zu machen, aber irgendwie werden die dann doch immer komplizierter", sagt sie und nimmt ein Kleid von der Stange. Die geraffte Taille und der Stehkragen erfordern zweifelsohne Fertigkeiten in der Schneiderkunst. Und wie so oft bei Glimpse, flattern Vögel über einen Baumwollstoff in dunklem Abricot. Dass dieser ein Biosiegel trägt, überrascht nicht sonderlich in Zeiten, da der Go-Green-Gedanke auch die Mode erreicht hat.

München, Mumbai, Mexico City - mit Mode Gutes zu tun ist Trend

Göppel nennt den Ansatz "Humanitäre Mode" - und mit diesem Gedanken beschäftigen sich auch noch andere Modemacher in München. Begleitet von Sozialpädagogen, bildet das Atelier La Silhouette in Haidhausen Jugendliche zu Schneiderinnen aus, die sich auf dem freien Markt eher schwer tun würden: Flüchtlinge und ehemalige Obdachlose zum Beispiel. Auch das mexikanisch-münchnerische Modelabel Simón Ese - Bernhard Mayer und Veronica Mora steuern Produktentwicklung und Produktion in Mexiko, Andi Bernhard und Felicitas Seitz kümmern sich in München um Vertrieb und Marketing - versucht, noch etwas mehr zu bieten als faire Produktionsbedingungen: Die Arbeiter erhalten in der Werkstatt in Mexiko Stadt nicht nur ein Vielfaches des landesüblichen Mindestlohns. Als Teil des Teams dürfen sie sogar eigene Ideen in die Kollektionen einbringen. "Da geht es nicht nur um stupides Abarbeiten", sagt Bernhard und macht ein Beispiel: Ein Daumenloch am Ärmel eines Pullovers? Das war die Idee eines Mexikaners, der für Simón Ese näht.

Humanitäre Mode: Vorbereitung auf einen Besuch im Polizeipräsidium: Dort präsentierte das Haidhauser Atelier "La Silhouette" 2014 seine Entwürfe bei einer Modenschau.

Vorbereitung auf einen Besuch im Polizeipräsidium: Dort präsentierte das Haidhauser Atelier "La Silhouette" 2014 seine Entwürfe bei einer Modenschau.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In München wiederum nutzt Nathalie Jäckle die eigene Kreativität, um zu einem bewussteren Modekonsum anzuregen. Als die Studenten der privaten Akademie Mode & Design in diesem Jahr ihre Abschlusskollektionen präsentierten, hatte sie meterweise Seide und Biobaumwolle zu Röcken aufgebauscht - und dieses Sinnbild textilen Überflusses anschließend mit Fotos bedruckt, die den Einsturz der Textilfabrik Rana-Plaza in Bangladesh vor zwei Jahren dokumentieren. Die von Schmerz verzerrten Gesichter bilden einen grotesken Widerspruch zum Volumen ihrer Entwürfe, ein Feuerwehrmann trägt ein Kind aus den Trümmern. "Ob es überlebt hat, weiß man nicht", sagt Jäckle und wird dabei ganz leise.

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