Buchhandel Hugendubel wagt ein Experiment

Die Hugendubel-Filiale am Stachus soll neue Maßstäbe im Buchhandel setzen – mit Themeninseln statt alphabetisch sortieter Regalware.

(Foto: Robert Haas)
  • Nach fünf Wochen Umbau eröffnet die Hugendubel-Filiale am Stachus mit einem neuen Konzept.
  • Das Sortiment wird künftig fünf Lesewelten zugeordnet, statt nach Warengruppen wie Bellestrik oder Schulbuch sortiert zu werden. Außerdem sind Veranstaltungen zum Beispiel in der Showküche geplant.
  • Die Geschäftsführer Nina und Maximilian Hugendubel wollen dadurch "dem Buch zu mehr Attraktivität verhelfen".
Von Maximilian Gerl

Ist das noch Buchhandel? Oder schon Erlebniswelt? Der Teppich: verschwunden. Die Regale: hüfthohe Inseln, wie hingewürfelt, darüber baumeln Skateboards oder ranken sich Blumen. Wer auf der Instagram-Bühne für ein Foto in einem Sessel Platz nimmt, findet sich in einem Schwarm Plastikfische wieder. Ein Stockwerk höher wartet die Showküche auf einen Koch. Nur die roten Couchen in den Zwischengeschossen sind wie früher, fast jedenfalls. "Neu gepolstert", sagt ein Mitarbeiter.

Der Hugendubel ist wieder da. Fünf Wochen lang war die Filiale am Stachus wegen Umbaus geschlossen. Entstanden ist ein neuer Flagship-Store, man könnte auch sagen: ein öffentliches Experiment. Hugendubel steht unter Druck, wie so viele stationäre Buchhändler - nicht nur, aber auch wegen des zunehmenden Onlinehandels, der mit schnellen Käufen und großem Sortiment lockt. Um am Markt zu überleben, sind also Ideen gefragt, wie sich Menschen zurück ins Geschäft locken lassen.

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An Euphorie mangelt es bei der Eröffnung am Donnerstag nicht. Die Chefs, die Geschwister Nina und Maximilian Hugendubel, haben Großes vor. Mit dem neuen Ladenkonzept wolle man die Kunden "in eine neue Welt des Buchhandels führen", "neue Maßstäbe" setzen, "dem Buch zu mehr Attraktivität verhelfen". Wer will, liest darin eine Botschaft. Der stationäre Handel hat Zukunft. Vorausgesetzt, man traut sich, Dinge anders zu machen.

Zum Andersmachen gehört, sich von alten Strukturen zu verabschieden. Von den ehemals 50 000 Produkten am Stachus sind noch 35 000 übrig geblieben. Statt klassischer Warengruppen wie Belletristik oder Schulbuch wurde das Sortiment fünf sogenannten Lesewelten zugeordnet. So steht das Erdgeschoss unter dem Motto "Abtauchen", was jene Kunden ansprechen soll, die sich für fiktive Welten interessieren, sei es in Fantasy- oder Science-Fiction-, in Jugendliteratur oder Comics. "Horizonte" versammelt Gegenwartsliteratur, Klassiker, Biografien und Sachbücher der Geisteswissenschaften.

Die neue Zuordnung soll Kunden zum Stöbern animieren, neugierig machen. Als zusätzliche Abwechslung sind Veranstaltungen geplant, etwa in der Showküche. Kinder können an Basteltischen Münzen prägen und Bilder malen. Um speziell für junge Leute attraktiver zu werden, gibt es Coworkingplätze und die "Insta-Bühne", für Selfies für die sozialen Netzwerke.

Im Filial-Wlan lassen sich alle Bücher kostenlos am Handy lesen

Wer Verweilen will, soll sich dagegen auf die roten Couchen oder ins "Café des Lesens" zurückziehen. Oder gleich in den "Raum der Stille", ein 16-Quadratmeter-Zimmer im zweiten Stock. Am Eingang mahnt ein "Pssst". Drinnen ist nichts außer einer Bank. Die Wände bedecken große Polsterquadrate. Eine Besucherin streckt den Kopf herein und fühlt sich an eine Gummizelle erinnert. Ob sie sich hier, so wie von den Erfindern gedacht, eine Auszeit vom Trubel gönnen würde? "Ich weiß nicht", sagt sie. Von Mitarbeitern ist zu hören, dass der Raum zumindest während des Umbaus gut ankam: Ein Handwerker nutzte ihn für ein Nickerchen.

Was genau bei den Kunden ankommt, werden sie bei Hugendubel in den nächsten Wochen und Monaten beobachten. Die rein betriebswirtschaftlichen Daten seien zunächst "nachrangig", sagt Maximilian Hugendubel. Schwester Nina ergänzt, man werde das Konzept auf jeden Fall fortführen. Einige der neuen Ideen sollen sich in den beiden Läden wiederfinden, deren Eröffnung für 2019 geplant sind; einer an der Schwanthalerhöhe, einer in Berlin.

Neben der Inszenierung der Produkte wurde auch am Service geschraubt. Ein Fahrradkurier liefert künftig den Bücherkauf nach Hause. Alle Bücher lassen sich kostenlos am Handy lesen, solange man damit im Filial-Wlan eingeloggt ist. Und auch die rund 40 Mitarbeiter mussten sich anpassen, sie heißen jetzt "Lesensberater". Wer in der umgestalteten Filiale weiterarbeiten wollte, musste sich bewerben. Begeisterung für den verordneten Wandel war gefragt.

Im zweiten Stock lässt derweil ein älterer Herr das Ambiente auf sich wirken. Eine große Weltkarte prangt an der Wand, Schilder an einer bemalten Säule weisen nach Asien, Afrika und Bayern. Ungewohnt, sagt der Mann, aber schön. Nur die Sortierung der Bücher widerspreche seinem Empfinden. "Mal schauen. Da gewöhnt man sich dran."

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