Hugendubel-Aus Der Literaturkreis schließt

Münchner Innenstadt Eine Institution muss gehen Video

Aus für Hugendubel am Marienplatz

Eine Institution muss gehen

"Seit ich da bin gibt's den Hugendubel": Die große Filiale des Buchhändlers am Münchner Marienplatz muss schließen. Wie die Münchner auf diese Nachricht reagieren - eine Videoumfrage.

Wenn die Hugendubel-Filiale am Marienplatz schließt, verschwindet nicht nur ein großer Buchladen. Mit ihm geht die Erinnerung an eine Kindheit in München, an erste Leseorgien - und an die legendären runden Leseinseln, in denen man für Stunden versinkt. Eine Würdigung.

Von Violetta Simon

Die Hugendubel-Filiale am Marienplatz ist ein eigener Kosmos, der für sich existiert und der eigenen Gesetzen folgt. Das beginnt schon mit dem Haupteingang. Ist es nicht ein bisschen eigenartig, geradezu schrullenhaft, wie sich dieser Laden ziert? Warum macht ein sechsstöckiger Shop, der so viele Menschen aufnehmen kann und auch täglich aufnimmt, es seinen Kunden dermaßen schwer, ihn zu betreten? Eng wie ein Nadelöhr und alles andere als repräsentativ für die wahre Größe dessen, was sich im Inneren verbirgt, scheint die Öffnung dem Besucher zu vermitteln: "Hier kommt nur rein, wer ein Ziel vor Augen hat und eisernen Willen." Was dazu führt, dass zu jeder Tageszeit ein sagenhaftes Gedränge im Eingangsbereich herrscht. Doch statt den Kunden abzuschrecken, zieht ihn das Gewusel geradezu magnetisch an. Denn wo Gedränge herrscht, muss es ja was Spannendes geben.

Ist man erst mal drin und lässt sich, einem rätselhaften Mechanismus folgend, vom Sog der schmalen einspurigen Rolltreppe ergreifen und in den ersten Stock transportieren, eröffnet sich dem Besucher die Hugendubel-Innenwelt in ihrer ganzen Dimension: eine Kathedrale des Wissens, durchzogen von Rolltreppen, die die verschiedenen Ebenen wie futuristische Transportbrücken miteinander verbindet. Hier signierte der britische TV-Koch Jamie Oliver vor Fan-Schlangen seine Küchenbibeln, und im April wird Ulrich Wickert aus seinem neuen Krimi lesen.

Die Wände scheinen aus meterlangen Regalwänden zu bestehen, davor die Pyramiden der Neuveröffentlichungen. Eine Verheißung an Ungelesenem über Themen, von deren Existenz man bisher nicht einmal etwas ahnte. Abgesehen von den Inhalten der Bücher verliert man sich aber auch in den vielen Abteilungen, deren Struktur sich dem Betrachter selbst auf den zweiten Blick nicht erschließt. Und, wie man nach Jahren erkennen muss, es bis heute nicht tut.

Leseinseln - Literaturkreise im wörtlichen Sinn

Auf den Zwischenebenen befindet sich das Herz des Universums: die berühmten Leseinseln, die der Niederlassung am Marienplatz 1978 den Durchbruch verschafften. Wie fehlgelandete Ufos hängen die organisch geformten, von roten Metallrohren umrahmten Sitzgruppen zwischen Rolltreppen und Verkaufsfläche und schirmen ihre Insassen ab von dem Trubel, der um sie herrscht. Sie als Sitzecken zu bezeichnen, würde ihnen keinesfalls gerecht, denn die kreisrunde Form illustriert den Begriff "Literaturkreis" aufs Trefflichste.

Insider wissen, dass die Leseinseln viel mehr als nur schlichte Sitzgelegenheiten sind - in Wahrheit sind sie Zeitfresser erster Güte. Wer schon mal mit einem Stapel Bücher auf dem Schoß dort versank, kennt das Gefühl, wenn man nach einer Ewigkeit wieder auftaucht, zu sich kommt und erkennt: Eigentlich wollte ich noch dies oder jenes erledigen - zu spät! Und dann beschließt, sich stattdessen noch schnell diesen Bildband über die Tiroler Berge oder New York zu holen - nicht, ohne seine Jacke als Platzhalter zurückzulassen. Für eine weitere Auszeit, eine kostenlose Reise in eine Welt, die man sich selbst zusammengesucht hat. Ein Wunder, dass bisher alle wieder aus ihrer Versenkung wiedergekehrt sind. Dass nicht doch einmal nichts als ein Stapel Bücher übrigblieb, der von den Vorlieben und Träumen des Verschwundenen erzählte.

Eigentlich schade, dass Hugendubel dieses Phänomen nicht stärker vermarktet. Die Leseinseln hätten das Zeug zum Marketinginstrument. Wie viele Profishopperinnen könnten allein ihre vom Warten ermüdeten Männer dort unterbringen - nach dem Motto "Park and read"! Auch zur kurzfristigen Kinderbetreuung eignen sich die knuffigen Sofalandschaften, die ebensogut in eine Höhlenwohnung in Mittelerde passen würden: Mit der Lektüre des "Kleinen Hobbit" wären die Kleinen stundenlang beschäftigt. Nur aufstehen und herumlaufen sollten sie nicht. Auch wenn sie niemals hinausgelangen und auf die Straße laufen könnten: Sie wären zumindest für ziemlich lange Zeit unauffindbar.

Verhungert auf dem Weg zum Essen

A propos: Wer ohne Proviant unterwegs ist, sollte auf der Hut sein, dass er dabei nicht versehentlich verdurstet oder verhungert, sei es in einer der zeitfressenden Leseinseln, sei es auf de verschlungenen Pfaden von der Fantasy- in die Kochbuchabteilung. Womit wir bei der Verpflegung wären. Zwar befindet sich seit der letzten großen Renovierung ein Café in dem Gebäude, allerdings benimmt dieses sich in etwa so wie der Haupteingang: Es tut, als wolle es nicht gefunden werden. Vielleicht eine Maßnahme, um Überfüllung zu vermeiden - denn trotz seiner Unzugänglichkeit finden zahlreiche Besucher den Weg in den sechsten Stock. Zu erreichen ist die Oase nur über einen bestimmten Aufzug (nicht jeder hat dasselbe Ziel). Erstbesucher sollten es lieber nicht zu Fuß probieren, wenn sie nicht den Verstand verlieren wollen zwischen all den Treppen, Rolltreppen, Ebenen und Zwischengeschossen.

Wem stattdessen einfällt, das Weite zu suchen und schleunigst zu verschwinden, sollte sich wappnen: Rauskommen ist noch schwerer. Die Wege des Herrn sind unergründlich, heißt es. Deren Koordinaten sind aber nichts gegen das, was einen im Hugendubel erwartet. Wer schonmal bei Ikea versucht hat, auf dem Weg ins Restaurant oder zu den Kassen abzukürzen, dem sei gesagt: Die haben bei Hugendubel bestenfalls nachlässig abgeschaut. Die Rückkehr ans Licht gleicht dem Versuch, ein Höhlensystem zu verlassen. Das gehört zur Philosophie: Heraus findet jeder - früher oder später. Wenn es einem wirklich ernst ist damit. Und wer will das schon, zumindest gleich beim ersten Versuch.

Wer nichts kauft, für den führt der Weg über die verschämte Nebentreppe. Der Rest muss durch eine der Kassen - eine angesichts der Geschäftsgröße lächerlich gering anmutende Anzahl - an der man aber erst noch seine Postleitzahl angeben muss, bevor man schließlich in die echte Welt entlassen wird. Das Ganze erinnert an das Tantchen, das beim Abschied noch dreimal fragt "Willst du wirklich nichts mehr essen, soll ich dir nicht wenigstens was einpacken?", um die Trennung hinauszuzögern. Aber das ist ja auch schön, irgendwie, wenn einer so an seinen Kunden hängt. Beruht schließlich auf Gegenseitigkeit.