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Hüttenzauber in der Stadt:Ein Hauch von Tirol

Auf der Galopprennbahn.

(Foto: Robert Haas)

Ganz tief im Herzen sind die Bayern noch immer ein Bergvolk. Jedenfalls die Münchner bestätigen diese These gerade. Denn im Winter wird mit besonderer Begeisterung in Berghütten gefeiert. Die Biergartenwirte setzen auf den Trend.

Möglicherweise ist doch etwas dran an der von vielen Norddeutschen vertretenen These, die Bayern seien tief im Herzen immer ein Bergvolk geblieben. Jedenfalls bestätigen die Münchner diese These gerade nachdrücklich. Wenn sie feiern, tun sie das mit besonderer Begeisterung in Almhütten. Aber eben nicht dort, wo diese normalerweise hingehören, im Gebirge also, sondern mitten in ihrer Stadt, die sie doch eigentlich gerne als internationale Metropole sähen. Sobald es Winter wird, ist alle Weltläufigkeit dahin. Dann geht es wieder ab in die seit Jahrhunderten geschätzte Behaglichkeit von Holzwänden und Kachelöfen. Der Norddeutsche nennt das wohl "urige Gemütlichkeit". Für den Bayern ist es mal ein Rückzugsort in eine überschaubare Welt, mal eine Fetzengaudi, wie man sie sonst nur aus der Skihütte kennt.

Statt: "I bin der Anton aus Tirol" heißt es jetzt allerdings: "I bin der Anton aus Feldmoching". Zum Feiern nach Tirol - das braucht es nicht mehr; inzwischen bevorzugt man den MVV-Einzugsbereich. "Die Leute schätzen es", sagt Susanne Gschrei vom Paulaner Bräuhaus am Kapuzinerplatz, "wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinfahren kann und auch wieder weg". Im Biergarten des Bräuhauses hat man heuer schon zum zweiten Mal eine Alm aufgestellt, sie wird vor allem von Firmen für Weihnachtsfeiern gut gebucht, am Sonntag von elf bis 14 Uhr gibt es auch einen Advents-Brunch für Familien. "Für uns ist die Almhütte auch ein Marketing-Tool, weil wir damit von uns reden machen können", sagt Gschrei. "Eine Hütte mitten in der Stadt ist ja was Besonderes."

700 Quadratmeter Almhütte

Nicht mehr lange, ließe sich jetzt einwenden. Almhütten haben inzwischen ja auch der Hofbräu- und der Augustinerkeller, das Leonardo Royal Hotel Munich, die Hotels Cristal und Dolomit, das Parkcafé, die Schlosswirtschaft Oberschleißheim oder das Gut Nederling.

Am Hofbräukeller in Haidhausen.

(Foto: Robert Haas)

Ricky Steinberg, Wirt des Hofbräukellers, suchte mit seiner Schwester Silja schon länger nach einer Möglichkeit, den Biergarten hinter dem Haus auch im Winter zu nutzen. "Vor ein paar Jahren haben wir es mal mit einem Zelt versucht", sagt Steinberg, "aber das war nicht so gemütlich." Jetzt hat der Hofbräukeller bis Mitte Februar eine Hütte im Garten stehen, für geschlossene Gesellschaften von bis zu 80 Leuten. An einigen Tagen ist sie auch für die Allgemeinheit geöffnet, bei einer Weihnachtslesung zum Beispiel oder zu einem Swing-Abend.

Der Big Player in Sachen urbaner Skihütte steht jedoch auf der Galopprennbahn Riem. Dort hat Feinkost Käfer schon im Mai eine 700 Quadratmeter große Almhütte hingestellt. Maximal 600 Gäste können dort bewirtet werden, die Hütte ist teilbar in drei unabhängige Bereiche und wird für Firmen-Events gut gebucht, sagt Alexej Oberoi, der Chef des Käfer-Partyservices, nur mit den Hochzeiten könnte es noch besser laufen: "Das liegt wohl an der Vorlaufzeit, die Hütte steht ja noch nicht so lange." An den Galopp-Renntagen, elf im Jahr, dient die Hütte als Restaurant fürs Publikum. Demnächst will das Feinkosthaus die Küche noch ausbauen, wie Oberoi sagt, auch wenn jetzt schon "fast alles möglich ist, wir haben ja höchste Kompetenz im Catering". Fehlt eigentlich nur noch, dass Käfer die passenden FC-Bayern-Spieler oder andere Promis liefert.

Nachfrage nach Almhütten so groß wie nie zuvor

Oberoi sieht Käfer überhaupt als Erfinder des Trends: "Das fing ja alles an, als wir vor vier Jahren mal zum Jubiläum des P 1 dort eine Almhütte auf die Terrasse gestellt haben." Um die selbe Zeit herum hat aber auch das Münchner Luxushotel Mandarin Oriental erstmals eine Almhütte auf sein Dach stellen lassen - fast noch zwingender, denn so eine Hütte gehört ja in luftige Höhen. Ausgerechnet in diesem Jahr hat das Mandarin Oriental keine Alm. Wegen der Umbauarbeiten im Haus muss man das Firmenfeierngeschäft heuer den anderen Hüttenwirten überlassen.

Die wiederum mieten sich ihre Hütten bei einer Firma mit dem schönen Namen "Von Alm das Beste", die ihren Sitz in Dornach bei München hat. Die Geschäftsführerin heißt Caterina Beck Freiin von Peccoz - ein Name, mit dem man sicher auch Nachbauten von Schloss Neuschwanstein vermieten kann, wenn es mit Almhütten mal nicht mehr so läuft. Sie sagt, heuer sei "die Nachfrage regelrecht explodiert". Ihr Flaggschiff steht in Riem, insgesamt hat sie 26 Hütten im Angebot, "alle komplett aus echtem Altholz, da gibt es keine Stahlträger".

Beim Paulaner am Kapuzinerplatz.

(Foto: Robert Haas)

Seit fünf Jahren stellt sie mit ihrem Geschäftspartner Stefan Ermert Hütten auf, Anfang 2014 gliederten sie das Geschäft in die Firma "Von Alm das Beste" aus und verleihen seither ihre Hütten bis nach Sotschi, Luxemburg und London.

Dass die Londoner und Russen Spaß an einer für sie exotischen Almhütte haben, lässt sich nachvollziehen. Aber was reizt die Münchner an der Bergwelt, die sie doch direkt vor der Haustüre haben? Liebt die bayerische Seele vielleicht insgeheim die überschaubare Welt der Ahnen und ihre beschaulichen Stuben? Als man Lederhosen trug und es noch keine Laptops gab? Es mag was dran sein, denn den Hang zum Bodenständigen hat man den Münchnern über die Jahrhunderte hinweg immer wieder attestiert.

Der österreichische Jugendstildichter Gustav Meyrink etwa hat an der Wende zum 20. Jahrhundert herum behauptet, München sei eigentlich nur "eine erweiterte Sennhütte". Und Heinrich Heine nannte die bayerische Landeshauptstadt einmal "ein Dorf, in dem Paläste stehen". Und wenn die Paläste halt zu protzig werden, dann wächst vielleicht wieder die Sehnsucht nach dem Einfachen.

Nicht umsonst finden Gschrei und Steinberg fast genau die gleichen Worte, wenn es um die Faszination des neuen Hüttenzaubers geht: "Man taucht da eben in eine komplett andere Welt ein, man ist da mit einem Mal in einem anderen Film." Und Steinberg fügt recht pragmatisch noch hinzu: "Nachdem in den Skigebieten ja auch schon kein Schnee mehr liegt", sagt er, "ist's eh fast wurscht. Da fehlt einem in einer Hütte in der Stadt doch nichts mehr."