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Hubertus Andrä:Was die Münchner Polizei 2016 gelernt hat

Amoklauf im OEZ in München, 2016

Polizisten während des Einsatzes beim Amoklauf am 22. Juli.

(Foto: Lukas Barth)
  • Bei einem Gespräch im Presseclub erklärte Polizeipräsident Hubertus Andrä, welche Konsequenzen die Münchner Polizei aus dem Jahr 2016 zieht.
  • Dabei spielten die Erfahrungen aus dem Amoklauf vom Juli eine große Rolle.
  • Wichtig sei, die Schutzausstattung der Beamten zu verstärken, sagte Andrä.

Von Martin Bernstein

"Es ist mir vollkommen wurscht, wie der neue Helm ausschaut - er muss den Kopf des Polizisten schützen." Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä hat am Donnerstag bei einem Gespräch im Presseclub deutlich gemacht, welche Lehren die Polizei - nicht nur in der Landeshauptstadt - aus der Amoknacht vom 22. Juli und anderen Großlagen des zu Ende gehenden Jahres zieht.

Ein ganz wichtiger Aspekt sei es, die Schutzausstattung der eingesetzten Beamten zu verstärken und zu verbessern. Mit dem neuen ballistischen Helm und den zusätzlichen Schutzplatten, die bei Bedarf an den Einsatzwesten befestigt werden können, sollen Polizisten sogar den Beschuss aus einem Kalaschnikow-Sturmgewehr überstehen können.

Andrä weiß aber auch, dass irgendwann eine Grenze der Schutzausrüstung erreicht ist: "Die Beamten müssen sich ja auch noch bewegen können." Und er begrüßt, dass die Polizisten mitreden können sollen, wenn es um ihre Bewaffnung geht. Neue Polizeipistolen soll es geben, "da werden die Kollegen eingebunden".

Eine weitere Erkenntnis nach dem Amoklauf, bei dem der 18-jährige David S. neun Menschen und danach sich selbst getötet hat, betrifft die Organisation derartiger Großeinsätze. Insgesamt 2300 Beamte waren in dieser Nacht in München im Einsatz, viele kamen von auswärts, aus anderen Bundesländern oder sogar aus dem Nachbarland Österreich.

Andrä verteidigt die ursprüngliche Einstufung als Terroranschlag

Man müsse sich genau anschauen, sagte Andrä, ob es sinnvoll sei, alle Einsatzkräfte erst zu einem zentralen Sammelpunkt zu bringen und danach wieder auf die Stadt zu verteilen. Vielleicht brauche man in vergleichbaren Fällen mehrere dezentrale Verteilerpunkte für auswärtige Kräfte. Von 71 Orten in ganz München waren in jener Juli-Nacht Hilferufe eingegangen, weil angeblich geschossen wurde.

Dass in dieser Nacht in der Stadt keine Panik ausgebrochen sei, bezeichnete Andrä als großen Erfolg der Münchner Polizei, den man auch der Kommunikation über soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook zu verdanken habe. Nur so habe die Polizei sofort mitteilen können, "wir waren am Stachus und da ist nichts".

Am Ende stellte sich heraus: Es gab einen einzigen Tatort am OEZ. Und als der Großeinsatz lief, hatte sich der Täter bereits selbst erschossen. Der Polizeipräsident verteidigte am Donnerstag die ursprüngliche Einstufung als Terroranschlag. "Als wir von der Lage gehört haben, da waren wir uns alle einig: Das ist ein Terroranschlag", beschrieb Andrä am Donnerstag noch einmal die dramatischen ersten Stunden nach den Schüssen am OEZ.

Polizisten tragen ihre Schutzwesten jetzt über dem Hemd

Dass die ursprünglichen Meldungen von angeblich mehreren bewaffneten Tätern auch durch Polizeibeamte in Zivil ausgelöst wurden, räumte Andrä im Presseclub erneut ein. Man habe alle verfügbaren Kräfte an den Tatort gerufen, darunter auch solche, die für andere Einsätze ohne Uniform unterwegs waren. Dass Polizisten künftig als solche auch erkennbar seien, daran müsse man noch arbeiten.

Auch das sei eine Lehre aus der Amoknacht, sagte Andrä. "Wir suchen derzeit nach Lösungen, wie wir das besser machen." Das diene sowohl der Sicherheit der Beamten, die sonst Gefahr liefen, in "friendly fire" ihrer Kollegen zu geraten, wie auch der Sicherheit der Bürger. Meldungen über "Männer mit Langwaffen" kursierten am 22. Juli auf Twitter und wurden auch von der Polizei zunächst übernommen.

Eine Konsequenz aus der Amoknacht sieht inzwischen jeder Münchner. Polizisten tragen ihre Schutzwesten jetzt offen sichtbar über dem Hemd. Das hat nichts mit einer gestiegenen Bedrohungslage zu tun, sondern damit, dass die Westen sich so leichter aus- und wieder anziehen lassen. "Und nur eine Weste, die der Beamte auch trägt, kann ihn im Ernstfall schützen", so Andrä.

© SZ vom 16.12.2016/amm
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