Süddeutsche Zeitung

Hotelzimmer für Huhn gesucht:Der Mann mit dem Vogel

"Für mich ist das einfach Kunst" - Tommy Schmidt sucht für die Wiesnzeit ein Hotelzimmer für ein Huhn. Ob es die Hühnerdame Calimera, Camilla oder doch die "blonde" Suzanne trifft, das entscheiden derzeit die Facebook-User. Ein Gespräch über Sinn und Unsinn der Aktion.

Marco Maurer

Der Künstler und Angestellte einer Münchener Werbeagentur Tommy Schmidt, 51, sucht für die Oktoberfestzeit ein Hotelzimmer. Nicht für sich, sondern für ein Huhn. Sein Sohn Louis dreht auf der Facebook-Seite "Ein Wiesn-Hotel für ein Huhn" visuelle Tagebucheinträge eines Huhns. Und Schmidts Projekt-Partnerin Birgit Merk geht mit dem Künstler auf Hotelsuche. Für diesen Freitag haben sie sogar zu einer Kundgebung in der Müllerstraße aufgerufen.

Herr Schmidt, Sie haben also einen Vogel?

Vielleicht auch ein wenig, ja. Aber eigentlich habe ich eher drei Hühner, Camilla, Calimera oder Suzanne. Sie leben - mit anderen neun Biohühnern - glücklich auf einem Bauernhof in Forstinning bei Bauer Alois Heinzeller.

Und aus dessen Pflege und dieser Idylle wollen Sie die drei nun herausreißen, warum?

Ja, und zwar ganz ohne schlechtes Gewissen. Wir küren auf unserer Facebook-Seite "Ein Wiesn-Hotel für ein Huhn" dasjenige Federvieh, das während des Oktoberfestes in ein Hotel an der Wiesn ziehen soll. Die Nutzer können momentan ihre Favoritin wählen. Calimera, eine zierliche schwarze Schönheit. Camilla, ein brünettes Rassehuhn und die blonde Suzanne. Momentan liefern sich Calimera und Suzanne ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Interessant, aber warum denn jetzt nur diese Aktion?

Millionen Menschen essen, feiern, tanzen jedes Jahr auf dem Oktoberfest und dabei werden mehr als 500 000 Hendl gegessen. Voriges Jahr war ich mit meinen Berufskollegen auf der Wiesn. Wir haben Gutscheine für etwa 500 Hendl bekommen. Das war die schiere Masse! Und da ging es sicherlich nicht um Genuss. Zur gleichen Zeit suchte ich für einen Freund ein Hotelzimmer. Das war mir unmöglich, da herrscht ja immer ein riesiger Mangel zur Wiesn. Ich wollte beides verbinden, Mangel und Masse. So entstand die Idee zur Kunstaktion.

Sie sind also Vegetarier?

Nein, ich esse gerne Hendl. Das ist auch kein politisches Statement. Für mich ist das einfach Kunst. Nur meine Partnerin Birgit Merk kommt eher aus der Tierschutzecke.

Hat das Huhn denn jetzt schon ein Hotel?

Das war schwierig. Ich habe rund zwanzig Hotels angeschrieben oder war bei manchen an der Rezeption gestanden. Drei kamen in die engere Auswahl. Ein Hotelmitarbeiter meinte sogar, das Huhn wäre wohl ein Mensch. Jedenfalls schrieb er in einer E-Mail zurück, sie würden ein hochgewachsenes, schlankes und vor allem blondes Huhn bevorzugen. Das war mir aber zu unseriös, mein Huhn ist ja schließlich kein Callgirl.

Aber ist so ein Huhn dann wenigstens anspruchsvoll bezüglich der Zimmerwahl?

Ein internationaler Hotelstandard war mir wichtig, Fernsehen und so. Dem Huhn soll ja nicht langweilig werden. Am Ende haben wir ein Zimmer gefunden in der Nähe der Theresienwiese im Hotel Haydn.

Der Hoteleigentümer hat keine Angst vor Hühnerdreck?

Nein, die Eigentümerin ist ganz auf meiner Linie. Sie ist früher auf einem Bauernhof groß geworden. Außerdem hat sie mir auch versprochen - was mir wichtig war - zu sagen, wenn beispielsweise ein Japaner anruft: "Oh entschuldigen Sie, das Hotel ist ausgebucht, in Ihrem Zimmer logiert ein Huhn. Können Sie sich bitte anderweitig umsehen?" Das ist eine Aufwertung des Huhns. Einmal ist ein Huhn wichtiger als ein Mensch.

Wie zahlt das Huhn?

Ich habe eine Kreditkarte. Das Zimmer - wir haben drei Nächte inklusive Vollpension gebucht - kostet schließlich 160 Euro die Nacht. Und wir wollen diejenigen, die im Hotel anrufen und kein Zimmer mehr kriegen, private Zimmer vermitteln.

Für diesen Freitag haben Sie zu einer Kundgebung aufgerufen . . .

Das Huhn, Freunde von mir und ich treffen uns vor dem "The Seven" in der Müllerstraße. In dem etwa zwölf Millionen Euro teuren Penthouse würde man schließlich eine ganze Menge Hühner angemessen und artgerecht unterbringen können.

Ihr Huhn ist also auch politisch engagiert, ein Gentrifizierungsgegner?

An seiner Stelle wäre ich es.

Wird es denn auch klimaneutral anreisen, vom Bauernhof in die Stadt?

Nein, es wird standesgemäß chauffiert werden - vielleicht in einer Stretchlimousine.

Ihr Huhn achtet also nicht auf CO2-Emissionen.

Nein, es ist ja schließlich nur ein Huhn.

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Quelle:
SZ vom 05.08.2011/mil
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