Ausstellung in Kochel:Unterwegs mit den Kopffüßlern

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Ausstellung Franz Marc Museum

Kopffüßler sind das Markenzeichen von Horst Antes. Hier die Tuschezeichnung "Ohne Titel (stehende Figur)", entstanden um 1969.

(Foto: Walter Bayer, VG-Bildkunst Bonn 2021/Franz Marc Museum, Kochel a. See, Stiftung Etta und Otto Stangl © Horst Antes)

Eine Ausstellung im Kochler Franz Marc-Museum spürt der Entwicklung der Kunstfigur nach. Sie dokumentiert auch die spielerische Kreativität von Horst Antes.

Von Sabine Reithmaier, Kochel

Schon auf dem Weg zum Franz Marc Museum trifft der Besucher auf Horst Antes. Erst spaziert er im Park an dessen Skulptur "Gehörnte Schlange aufrecht II" vorbei, dann grüßt vom Flachdach des Neubaus ein zweites gezickzacktes Reptil. Drinnen wirken sich Antes' Kopffüßler schlagartig positiv auf die Laune aus. Nicht nur wegen der intensiven Farben, sondern auch wegen der archaischen Kraft, die die markanten Figuren ausstrahlen.

Dass das Kochler Museum den Künstler mit einer Ausstellung seines Frühwerks zu seinem 85. Geburtstag würdigt, hat einen einfachen Grund. Antes war in den 1950er und 1960er Jahren ein wichtiger Künstler der Münchner Galerie Stangl, eine bedeutende Institution in der Kunstszene der Nachkriegszeit, die neben der klassischen Moderne auch die Avantgarde förderte. Da Otto und Etta Stangl zu den Initiatoren des Kochler Museums im Jahr 1986 zählen, das sie mit ihrer Sammlung belebten, kam mit dem Erbe ein großes Antes-Konvolut ins Haus. 30 Arbeiten, darunter zwei kleine Plastiken, sind im Erdgeschoss des Museums zu sehen.

Wie freundschaftlich das Galeristenpaar und der Künstler verbunden waren, dokumentieren in einer Vitrine Briefe, von Antes liebevoll mit kleinen Zeichnungen versehen. Zu Weihnachten schickt er neun unterschiedliche Kopffüßler-Motive, "ein paar Plätzchen für Etta und Otto Stangl". Eine Preisliste ziert er mit kleinen, die jeweilige Arbeit kennzeichnenden Symbolen. Mit dem Motiv des Kopffüßlers sorgte Antes in den frühen Sechzigerjahren für Furore, ließ er doch als einer der ersten Künstler im Nachkriegsdeutschland die Abstraktion hinter sich und den Menschen im Bild wieder auftauchen. Er empfand den Raum, den die abstrakte Malerei belegte, als unlebendig, unmenschlich, unbewohnbar. Seine Antwort war eine Kunstfigur mit großem Kopf, immer im Profil, an dem die Beine direkt ansetzen. Das Auge blickt unverwandt auf den Betrachter.

Ausstellung Franz Marc Museum

Eine Stichvorlage von Bonaventura Genelli hat Horst Antes für "Lampetia, Helios (Albumblatt 16)" verwendet.

(Foto: Walter Bayer, VG-Bild-Kunst, Bonn 2021/Franz Marc Museum, Kochel a. See Stiftung Etta und Otto Stangl, © Horst Antes)

Lang blieb diese Gestalt Antes' Hauptmotiv, das er in großer Breite variierte und in viele Richtungen weiterentwickelte, ob als Malerei, Plastik oder Keramik, ob mit Tempera, Farbkreide, Öl oder Aquarellfarben. Manchmal arbeitet er ganz plakativ, dann wieder feinteilig und subtil. Großartig sind die Collagen, für die Antes Radierungen von Bonaventura Genelli verwendete. Anders als es der Name vermuten lässt, ist Genelli (1798 - 1868) kein Italiener, sondern stammt aus Weimar. Seine zyklischen Kompositionen zu mythologischen Themen fanden seinerzeit großen Anklang und wurden als Stiche vervielfältigt. An den Stichvorlagen mit Motiven aus der Odyssee hat sich Antes facettenreich abgearbeitet. Er druckt, klebt, malt, zeichnet und hat mit viel Humor eine eigene, sehr poetische Version des griechischen Mythos gestaltet. Natürlich spielt der Kopffüßler die zentrale Rolle.

Seine Inspiration schöpft Antes aus vielen Quellen, auch aus außereuropäischer Kunst. Er begeisterte sich für die Katsina-Puppen der nordamerikanischen Hopi - die erste kaufte er schon 1961 - oder die Aklama-Skulpturen aus Ghana. Die Sammlungen, die Antes zusammengetragen hat, sind längst berühmt.

Ausstellung Franz Marc Museum

Manchmal braucht die Figur auch mehr als ein Auge, so wie hier das "Weibliche Porträt (blond), nach links" (1964).

(Foto: Walter Bayer, VG-Bild-Kunst, Bonn 2021/Franz Marc Museum, Kochel a. See Stiftung Etta und Otto Stangl © Horst Antes)

Beeinflusst haben ihn aber auch die frühen Renaissance-Porträts des Malers Piero della Francesca, die ihn während seines Aufenthalts als Stipendiat in der Villa Romana (Florenz) faszinierten und erklären, warum der Kopffüßler immer im Profil gezeigt wird. Dann ist da natürlich noch Picasso, an den eine Tuschzeichnung von 1969 sofort denken lässt: Die Kontur des Gesichts im Profil mit strenger Linie gezogen, ein zentrales Auge, Brüste, Beine. Wobei es schon auch Figuren mit mehreren Gliedmaßen gibt. "Eine Figur kann viele Arme haben, wenn es notwendig ist. Einmal braucht eine Figur ein Auge, ein andermal mehr, eben soviel, dass sie sehen kann", zitiert eine Wandinschrift den Künstler. Daher kann aus einem blauen Fuß auch ein Arm wachsen, beobachtet von zwei Augen.

Studiert hat der 1936 geborene Antes an der Akademie in Karlsruhe bei HAP Grieshaber; dort und in Berlin lehrte er auch später als Professor für Malerei, einer seiner Schüler war Anselm Kiefer. Dreimal nahm er an der Documenta in Kassel teil, gewann Preise auf den Biennalen von Venedig 1966 und São Paulo 1992. Bevor sein Markenzeichen zur leeren Stereotype verkam, wechselte Antes das Motiv und konzentrierte sich in den Achtzigerjahren auf geometrisch vereinfachte Häuser. Später folgten die sogenannten Datumsbilder. Der Kunstmarkt freilich wollte seine weitere Entwicklung nicht mitgehen und schätzt bis heute nur seine vielseitige Phantasiegestalt.

Die Genese des Kopffüßlers. Horst Antes zum 85. Geburtstag, bis 22. Mai 2022, Franz Marc Museum, Franz-Marc-Park 8 - 10

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