bedeckt München 11°

Homosexuelle Szene im Glockenbachviertel:Immer weniger schwul

150 Jahre "Deutsche Eiche" in München, 2014

Die "Deutsche Eiche", einer der ältesten schwulen Treffpunkte in München - natürlich im Glockenbachviertel.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Das Münchner Glockenbachviertel war jahrelang der Treffpunkt der schwulen Szene - doch das ändert sich. Es gibt immer weniger Bars und Clubs, die sich ausschließlich an Homosexuelle richten.
  • Grund dafür ist das veränderte Ausgehverhalten durch Smartphones und soziale Netzwerke.
  • Wirte und Schwulenverbände klagen aber auch über die hohen Preise und haben nach wie vor mit Vorurteilen zu kämpfen. Sie denken über Alternativen zum Glockenbachviertel nach.

Von Mathias Weber

Die Stimmung war schon mal besser in der schwulen Szene Münchens. Zum Beispiel im Jahr 2000, wie Bernd Müller vom Szeneblatt Leo berichtet: Damals, es ist erst 14 Jahre her, habe es in München sechs rein schwule Discotheken, sechs Saunen und stolze 60 Bars, Cafés, Restaurants und Kneipen für Homosexuelle gegeben.

Die Zeiten haben sich geändert. Und mit ihnen das Glockenbachviertel und seine Lebensader, die Müllerstraße. Heute kann man die rein schwulen Lokale in der Gegend an zwei Händen abzählen: "Das wird als Verlust empfunden", sagte Müller am Mittwoch bei einer Podiumsdiskussion im Kommunikationszentrum Sub, bei der es um das Schwinden der schwulen Gastronomie in München ging. Offenbar ein Thema, das bewegt: Das Café des Zentrums war voll, um die 100 Männer wollten sich anhören, was bekannte Gesichter der Szene zu sagen hatten. Und sie wollten hören, ob sich in absehbarer Zeit an dem Schwund etwas ändern wird.

Bar "Registratur" in München, 2014

Die Müllerstraße gilt als Lebensader der schwulen Szene in München.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zuerst aber übte man sich in Ursachenforschung: Wo sind denn nun all die Läden hin? Nach Meinung der Anwesenden kommen da offenbar viele Gründe zusammen: etwa das Internet, die sozialen Medien, die das schwule Ausgehverhalten grundsätzlich umgekrempelt haben. Früher habe man sich eben in den Bars kennengelernt, heute genügten ein paar Wischer auf der Smartphone-App, und man habe ein Date. Dass Schwule aber deswegen gleich ganz daheim bleiben und Bars meiden, das glaubte niemand so recht. "Man geht eben anders aus", sagte Arne Brach, der die Bar Jennifer Parks in der Holzstraße betreibt - die neueste Bar in der Szene, aber auch schon sieben Jahre alt.

Viel Nachfrage, kaum Angebot - eine paradoxe Situation

Gäste gäbe es also, und Geld hätten sie auch, wie Günther Kastner sagte. Er betrieb bis ins Jahr 2011 das Café Selig in der Hans-Sachs-Straße: "Ich habe damit super viel Geld verdient." Auch Ken Koch macht nach eigenen Aussagen gute Geschäfte, er betreibt den einzigen verbliebenen schwulen Club in München, den NY Club in der Sonnenstraße.

Es ist eine paradoxe Situation: Es gibt offenbar viel Nachfrage, aber kaum Angebot. Wobei, sagte Josef Sattler von der Deutschen Eiche, die Szene noch nie so groß gewesen sei. Immer mehr Menschen zögen nach München, und die wollten schließlich auch ausgehen. Nicht nur er glaubt, dass das Szenesterben auch an der Unfähigkeit der schwulen Wirte liegt, sich weiterzuentwickeln. "Wer 20 Jahre lang an seinem Laden nichts macht, der hat verloren", sagte Sattler. Man bräuchte eben fähige Leute, hieß es aus dem Publikum. "Leute, die auf Risiko gehen, die Verrückten." Und gute Konzepte bräuchte man, hieß es immer wieder, dann würden auch die Gäste kommen.

Bar "Jennifer Parks" in München, 2014

Aber schon lange haben keine neuen schwulen Bars mehr im Glockenbachviertel aufgemacht - das neueste ist das "Jennifer Parks", aber das ist mittlerweile auch schon sieben Jahre alt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ist es also so einfach? Ein gutes Konzept, Spaß an der Gastronomie, Startkapital, und die Szene ist gerettet? Entlang der Müllerstraße ist das gar nicht so leicht, rechnete Ken Koch vor. "Wo soll das ganze Geld herkommen", sagte er, "allein, was die Stadt schon für die Stellplatzablöse verlangt!" Pro zehn Quadratmeter Gastronomiefläche müsse man einen Parkplatz anbieten. Die Ablöse dafür lässt sich die Stadt gut bezahlen: 12 500 Euro sind es pro Parkplatz - für Einsteiger fast unbezahlbar. Ob die Stadt in die Entwicklung des Viertels grundsätzlich eingreifen könnte, wurde kaum thematisiert. Die Grün-Rosa-Stadträtin Lydia Dietrich meinte nur lapidar, dass das Thema zwar auf politischer Ebene besprochen wurde, "die Stadt kann aber relativ wenig Einfluss nehmen".

Heterosexuelle zahlen manchmal nur die Hälfte an Miete

Hinzu kommt offenbar, dass Gastronomen - schwul wie hetero - kaum mehr geeignete Flächen im Viertel finden. Einer im Publikum, der mit dem Gedanken spielt, ein schwules Lokal zu eröffnen, sagte, man zahle bis zu 140 Euro Miete für den Quadratmeter. Und man müsse sich nach wie vor gegen Vorurteile wehren. Etwa wenn der Bankberater bei der Kreditvergabe frage, welche Art von Gastronomie das denn wird - ob man die Scheiben schwarz verklebe. Er habe die Erfahrung gemacht, dass Heterosexuelle nur die Hälfte an Miete zahlen müssten. Sein Fazit: "Die meisten Mieter wollen im Glockenbach keine schwule Gastronomie mehr."

Also raus aus dem Viertel? Das ist die Vision, die Arne Brach vorschwebt. "Die Szene könnte sich woanders hin verlagern", sagte er. Dorthin, wo die Preise noch vernünftig seien, im Westend vielleicht, oder nach Giesing. Aber so recht glaubt er nicht an diese Vision, vielmehr befürchtet er, dass der Schwund noch weiter geht. Und so stellte sich bei der Diskussion auch eine grundsätzliche Frage: Braucht es die schwule Community eigentlich noch, in Zeiten allgemeiner gesellschaftlicher Akzeptanz? Hat sich die Szene mittlerweile "gesund geschrumpft"? Arne Brach warnte vor solchen Überlegungen. Seiner Wahrnehmung nach ist es heutzutage durchaus wieder möglich, sich offen homophob zu zeigen. So werde vermehrt von Pöbeleien und Gewalt gegen Schwule in der Müllerstraße berichtet. Die Schwulen sollten aber weiterhin Flagge zeigen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn, so Brach: Was, wenn in 20 Jahren die gesellschaftliche Stimmung kippt - und es keine Schutzräume mehr gibt?

© SZ vom 23.01.2015/ebri
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema