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Homeschooling:Ein rettender Engel

Sandra Bellini: Familien mit Förderkindern fallen durchs Raster

Familie Bellini lebt zu viert auf 60 Quadratmetern. Der Vater arbeitet im technischen Service und muss morgens das Haus verlassen. Die Mutter ist Angestellte in der IT-Beratung und im Homeoffice. Der zwölfjährige Sohn ist Autist und leidet an ADHS, er geht auf eine Förderschule. Die neunjährige Tochter besucht die Grundschule. "Wäre ich allein erziehend, dann wäre ich längst tot", sagt Sandra Bellini trocken.

Ihren echten Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, nicht, wenn es um das Thema Schule geht. Ist alles schon schwierig genug. Ihr Sohn braucht viel mehr Zuwendung als andere Kinder, und vor allem braucht er Struktur. Homeschooling? Kann man vergessen. In der gewohnten Umgebung, mit bekannten Lehrern kommt er gut zurecht. Fehlt das, hängt er durch und ist verzweifelt. "Familien wie unsere fallen durchs Raster. Mit einem behinderten Kind hat man es in normalen Zeiten schon schwer. Jetzt ist der Freundeskreis noch kleiner geworden, jeder ist mit sich selbst beschäftigt." Ihr Mann und sie befänden sich seit einem Jahr im Ausnahmezustand. Immerhin, beide Kinder gehen jetzt in die Notbetreuung. Ihr Sohn sei froh, in seiner Schule die bekannten Lehrer zu treffen. Trotzdem sei ihm manchmal die ganze Situation zu viel. "Neulich erzählte er mir, er habe in der Schule den Kopf an die Wand geschlagen." Sie hat ja noch Glück, sagt Bellini: "Mein Sohn kann laufen, er kann sprechen, er kann sagen, was ihn bedrückt. Was machen Familien mit schwer behinderten Kindern?"

In der Notbetreuung an der Grundschule ihrer Tochter wechseln sich die Lehrer ab, "dabei ist die Beziehung zu einer festen Lehrerin in diesem Alter doch das A und O." Das ständige Maske tragen sei anstrengend, "es fehlt die Mimik der Lehrer, das Lachen der Kinder". Trotzdem sei ihre Tochter froh, wenigstens ein paar Mitschüler zu haben. Videounterricht finde ohnehin kaum statt, erzählten andere Eltern. "Es werden Arbeitsblätter auf die Lernplattform gestellt, die sollen die Kinder selbständig bearbeiten." Einmal in der Woche gibt es eine halbe Stunde die Möglichkeit, mit der Lehrerin per Video zu sprechen. "Wenn das in einem der reichsten Länder der Welt Homeschooling bedeutet, verliere ich den Glauben an unser Bildungssystem", sagt Bellini.

Letztlich hänge alles vom Engagement einzelner Lehrer ab. Im Fußballverein der Tochter bemühten sich ältere Mädchen, die Jüngeren bei der Stange zu halten. Sie trainierten sie einzeln und nutzten jede Möglichkeit, im Freien zu spielen. Und der Sohn spielt immer noch Akkordeon. Seine ehemalige Lehrerin, die ihn durch vier Jahre Grundschule begleitete, unterrichtet ihn online. "Sie geht auf seine Fragen ein und merkt, wann es ihm zu viel wird. Er mag sie, sie ist ein wahrer Engel."

© SZ vom 06.05.2021 / mse
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