Holocaustexperte "Jede Generation stellt ihre eigenen Fragen"

Frank Bajohr ist als Redner und Gutachter weltweit gefragt. Er selbst kam als Schüler erstmals mit dem Holocaust in Berührung: Eine Großtante erzählte ihm, wie sie in Amsterdam eine jüdische Familie versteckt hatte und denunziert wurde. Da begann er, die NS-Geschichte seiner Heimatstadt zu erforschen.

(Foto: Florian Peljak)

Regelmäßig fährt Frank Bajohr mit Studenten zu den einstigen Vernichtungslagern der Nationalsozialisten, denn kein Buch, kein Film lässt Geschichte so unmittelbar erfassen. Der Historiker vom Institut für Zeitgeschichte ist einer der führenden Holocaustexperten. Die Welt bewundert Deutschland für seine Aufarbeitung der Vergangenheit, sagt er

Von Martina Scherf

Sobibor, das ist ein kleines Dorf im Osten Polens, an der Grenze zur Ukraine. Nicht einmal 500 Einwohner zählt der Ort heute, umgeben von weiter, unberührter Natur. Ein kleines Öko-Hotel lockt Wanderer an, die im Internet begeistert von ihrem Aufenthalt erzählen, von Kiefernwäldern und Vogelzwitschern. Doch unter dem Moos, das über Steine wuchs, schlummert eine grausame Geschichte: In Sobibor hatten die Nazis nach der Besetzung Polens ein Vernichtungslager errichtet. Schätzungen zufolge wurden dort bis zu 250 000 Juden ermordet, darunter wohl allein 33 000 aus den Niederlanden. Die Menschen wurden direkt von den Güterwaggons in die Gaskammern geführt: Männer, Frauen, Kinder, Greise, ganze Familien.

Im Sommer vergangenen Jahres saß Frank Bajohr mit seinen Studenten in einem blühenden Privatgarten in Sobibor. Der Hausbesitzer hatte sich ausdrücklich einverstanden erklärt, dass die Deutschen ihr Seminar auf seinem Grundstück abhielten. "Genau dort, wo wir uns niederließen, hatte am 14. Oktober 1943 der Aufstand der Häftlinge von Sobibor begonnen", erzählt Frank Bajohr. Von den 600 Menschen, die zu jener Zeit noch inhaftiert waren, konnten etwa 300 fliehen. Der Anführer, Alexander Petscherski, starb 1990, er hat seine Erinnerungen in einem Buch festgehalten, dem "Bericht über den Aufstand in Sobibor".

Die Gruppe aus München hatte also Pläne vor sich auf dem Boden ausgebreitet, auf denen die Umrisse der vier Gaskammern, die Mauern, Zäune und Fluchtwege aus dem Lager eingezeichnet waren. Dann hielt eine Studentin ihr Referat, "und alle hörten mit atemloser Spannung zu", erzählt Bajohr, "es war so still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können."

Auch 75 Jahre später zieht ein solcher Ort seine Besucher in den Bann. Kein Buch, kein Film kann Geschichte so unmittelbar begreifbar machen. Deshalb fährt Bajohr, der Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Münchner Institut für Zeitgeschichte und Geschichtsprofessor der Ludwig-Maximilians-Universität, mit seinen Studenten regelmäßig an solche Orte. "Die Exkursionen sind immer in kürzester Zeit ausgebucht", sagt er. Während Auschwitz längst Ziel des Massentourismus geworden ist, wird im kleinen Sobibor noch um das angemessene Gedenken gestritten. Die SS hatte versucht, alle Spuren zu beseitigen. In der Villa des Lagerkommandanten wohnt heute der Bürgermeister.

Zurück in München, wirkt die Reise noch lange nach. Die Studenten würden sich nach jeder Exkursion bei ihm bedanken für diese Erfahrung, "wann hat man das sonst an der Uni?", sagt Bajohr und verhehlt nicht, dass ihn das zufrieden macht. Er ist ein freundlicher, lebensbejahender Mann, mit den meisten seiner Mitarbeiter ist er per Du.

Seit 2013 leitet der Historiker das Holocaustzentrum. Auch wenn es noch immer nur 15 Mitarbeiter, inklusive Studierende, zählt, ist es heute eine der weltweit führenden Einrichtungen für dieses Forschungsgebiet. Bajohr ist als Referent und Gutachter weltweit geladen. Auch im Auschwitz-Prozess gegen Oskar Gröning war sein Expertenwissen gefragt. Das Verfahren gegen den hochbetagten SS-Mann, der im Frühjahr 2018 starb, hatte Gerichte und Öffentlichkeit drei Jahre lang beschäftigt.

Bajohr lädt regelmäßig Gastwissenschaftler aus aller Welt nach München ein, "die bringen eine andere Perspektive mit, das ist ein großer Gewinn", sagt er. In jüngster Zeit holt er vermehrt Kollegen aus Osteuropa. Denn Holocaustforschung hat es unter den Orbáns, Putins und Kaczyńskis schwer. Die Nationalisten wollen die Deutungshoheit über das Thema, auf Wahrheit kommt es ihnen dabei weniger an.

Derzeit stecken Bajohr und seine Stellvertreterin Andrea Löw mitten in den Vorbereitungen für die große Holocaust-Tagung im Herbst. 200 Wissenschaftler aus aller Welt werden nach München kommen, es ist die erste derartige Tagung außerhalb der USA. Neben Vorträgen und Workshops wird es Führungen an historischen Orten wie dem Konzentrationslager Dachau, dem NS-Dokuzentrum und dem jüdischen Kulturzentrum samt Synagoge geben. US-amerikanische Wissenschaftler seien häufig der Meinung, jüdisches Leben sei bis heute aus Deutschland verschwunden, sagt Bajohr. Wenn selbst Wissenschaftler solche Wissenslücken haben, wie steht es dann erst um die Bildung der Durchschnittsbürger?

Auch wenn die NS-Geschichte heute in den Lehrplänen der Schulen verankert ist, sieht Bajohr in der Ausbildung der Lehrer noch einigen Nachholbedarf. Zwar sagten laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2017 fast 90 Prozent der Schüler ab 14 Jahren, Geschichtswissen sei wichtig oder sehr wichtig. Aber mehr als ein Drittel gab an, nicht zu wissen, dass Auschwitz-Birkenau ein Vernichtungslager war. Dass dort mehr als eine Million Menschen in den Gaskammern ermordet wurden, Menschen, die aus einem Dutzend europäischer Länder stammten. "Fast alle Befragten meinen auch heute noch, es seien in den Vernichtungslagern sechs Millionen deutsche Juden vergast worden, dabei stammten die allermeisten Opfer aus den besetzten Ländern", sagt Bajohr, "der Holocaust hat im Wesentlichen nicht im Kerngebiet des Deutschen Reichs stattgefunden."

Frank Bajohr, Jahrgang 1961, kam mit dem Thema zum ersten Mal in der eigenen Familie in Berührung. Eine Großtante, die in den Niederlanden lebte, hatte eine jüdische Familie vor den Besatzern versteckt, doch sie wurde denunziert. Sie selbst kam mit dem Leben davon, die Familie wurde in Auschwitz ermordet. "Meine Tante hat alle Briefe, die sie aus dem holländischen Sammellager noch erhalten hat, und sogar die Versandabschnitte der Pakete, die sie den Leuten nachgeschickt hat, aufgehoben. Sie hat mir diese Dinge schon früh gezeigt und von dieser Zeit erzählt."

1979 lief dann im Fernsehen die Serie "Holocaust". Daraufhin fing der Gymnasiast Bajohr an, in der Geschichte der eigenen Heimatstadt Gladbeck zu graben. "Ich war der erste Gladbecker, der sich für die Akten im Stadtarchiv interessierte." Er hat sich damit - wie viele junge Leute, die damals zu fragen begannen, wer auf welcher Seite stand im Nationalsozialismus - nicht beliebt gemacht. Ein früherer Lehrer seiner Schule, so entdeckte Bajohr in den Akten, war ein glühender Verfechter der Rassenideologie gewesen. "Er hatte vom Ausmerzen minderwertiger Elemente im Volk geschrieben." Ausgerechnet dieser Mann war und ist, sagt Bajohr, bis heute der berühmteste Heimatforscher seiner Stadt.

So ging das überall in Deutschland: Weder Täter noch Opfer wollten oder konnten über die Nazi-Gräuel sprechen. Viele Ärzte, Richter, hohe Beamte waren längst wieder in Amt und Würden. Viele Opfer waren froh, überlebt zu haben, sie konnten das unermessliche Leid und die Erniedrigung nicht in Worte fassen - "es wollte sie aber auch lange Zeit niemand hören".

Bajohr ging dann zum Studium der Geschichte nach Essen und später an die Forschungsstelle für Zeitgeschichte nach Hamburg. Der Holocaust wurde zu seinem Spezialthema, er forschte jeweils ein Jahr lang in der Gedenkstätte Yad Vashem und im Holocaust-Museum in Washington. Dieses Museum hatte Bundeskanzler Helmut Kohl in den Achtzigerjahren noch verhindern wollen - "er war der Meinung, das schade dem Deutschlandbild".

Immer wieder wurde über Maß und Form der Erinnerung gestritten. 1985 sprach Bundespräsident Richard von Weizsäcker vom 8. Mai als Tag der Befreiung - und erntete massive Angriffe. 1988 musste Bundestagspräsident Philipp Jenninger wegen seiner sprachlich misslungenen Rede zum 50. Jahrestag der Novemberprogrome gegen Juden zurücktreten. Und noch in den Neunzigerjahren kam es in München und anderswo zu heftigen Auseinandersetzungen um die Wehrmachtsausstellung, die die Kriegsverbrechen der Wehrmacht mit Fotos dokumentierte. Erst in diesem Jahrhundert entspannte sich die Situation allmählich.

Und heute? "Wir werden in aller Welt bewundert für die intensive Aufarbeitung unserer Geschichte", stellt Bajohr immer wieder auf internationalen Tagungen fest. "Das hat unser Deutschlandbild enorm gefördert." Ist eben alles eine Frage der Perspektive. Manche Kollegen aus Großbritannien oder Japan, berichtet Bajohr, würden ihm bei solchen Treffen sagen: Würden wir nur mal unsere eigene Kolonialgeschichte in ähnlicher Weise aufarbeiten.

Auf der anderen Seite gibt es heute "eine breite Rückkehr des völkischen Denkens. Und auch das Großwerden der NSDAP war ja eine Abwehrbewegung gegen die Globalisierung", sagt Bajohr. Gleichzeitig stellen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten heute die Erinnerungskultur in Frage. Wenn Bajohr zu Vorträgen in die deutsche Provinz reist - auch das tut er mehrmals im Jahr, eingeladen von Museen, Volkshochschulen und anderen Bildungseinrichtungen -, dann erntet er keineswegs nur Zustimmung. Doch das Argument, "jetzt muss es doch mal genug sein mit der leidigen Geschichte", kann er nicht gelten lassen. "Das kommt fast immer von Leuten, die sich noch nie mit dem Thema befasst haben." Es kämen aber immer noch neue Fakten ans Licht. Es gebe immer noch Familien, in denen heute zum ersten Mal über die Verstrickung der eigenen Vorfahren gesprochen werde. "Und jede Generation stellt ihre eigenen Fragen."