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Holocaust-Überlebender Stephen Nasser:Nassers schreckliches Geheimnis

Doch erst jetzt ist Nasser zum ersten Mal auf Lesereise in Deutschland. In den USA erschien Die Stimme meines Bruders 2003, nun ist es auch auf Deutsch erschienen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem schrecklichen Geschehen; denn Pista musste so lange ein Geheimnis verbergen. Nach dem Krieg fragte ihn sein Onkel Karoly, ob er wisse, was aus seinem Sohn Peter geworden sei. Pista wusste es genau, doch verriet es nicht.

Häftlinge in Konzentrationslager Buchenwald, 1945

Nach der Befreiung fotografierten die Amerikaner Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald.

(Foto: dpa)

Erst als sein Onkel starb, veröffentlichte Nasser seine ganze Geschichte und lüftete das schreckliche Geheimnis: Als Pista mit seiner Familie in Auschwitz ankommt, nimmt ein SS-Mann den einjährigen Peter seiner Mutter weg. In dem Buch beschreibt Nasser die Szene folgendermaßen: "Der SS-Mann reißt das Kleinkind, so hoch er kann, über seinen eigenen Kopf und schmettert den kleinen Peter, mit dem Kopf voran, gegen das Rad des nächsten Viehwagons. Der Schädel meines kleinen Cousins explodiert mit einem dumpfen Knall. Blut und Gehirnteile rinnen über das rostige Rad und färben den Boden darunter in ein leuchtendes, starkes Purpurrot. Ich muss mich auf der Stelle übergeben."

Reise zurück in der Erinnerung

Wenn Nasser von den schrecklichen Ereignissen aus dem Krieg spricht, ist seine Stimme ruhig und fest. Doch seine Augen werden feucht. Der 80-Jährige sagt: "Wenn ich aus dem Buch vorlese, reise ich zurück in der Erinnerung, ich erlebe die Szenen noch einmal."

Mehr als 600 Lesungen hat der 80-Jährige inzwischen gehalten, die meisten an Schulen rund um Las Vegas. Derzeit ist Nasser auf Lesetour in der Umgebung von München. Im Rahmen der Präsentation des Dokumentarfilms Endstation Seeshaupt, der vergangenen Woche in den Kinos angelaufen ist und der ebenso von dem Todeszug erzählt, liest Nasser vor. Er freut sich, wenn er ein Buch verkauft, doch vielmehr über die Tausenden Briefe, die ihm Leser und Zuhörer in den vergangenen Jahren geschickt haben. "Wenn ein neuer Brief bei mir ankommt, ist das für mich Zahltag", sagt Nasser. "Ich will die Leute bewegen." Ihm geht es nicht um Vergeltung, ihm geht es um den Kampf gegen das Vergessen. Sein Hauptangriffsziel: Leute, die den Holocaust leugnen. Seine Waffe: "Ich weiß es. Ich war dabei", sagt er und nimmt ein Exemplar seines Buches in die Hand.

Als Nasser er signiert, klemmt er den Stift mühsam zwischen die zertrümmerte Hand und schreibt langsam: "Never again!" Nie wieder.

Stephen Nasser stellt sein Buch "Die Stimme meines Bruders" (edition innsalz, 15,90 Euro) im Rahmen der Präsentation des Dokumentarfilms "Endstation Seeshaupt" an folgenden Orten vor: am Donnerstag Wolfratshausen, Kinocenter, 20 Uhr; am Freitag in München, Neues Arena, 20 Uhr; am Samstag in Seefeld, Kino Breitwand, 20:30 Uhr; am Sonntag erst in Erding, Kino Cineplex, 18 Uhr, und dann in Freising, Kino Cineplex, 20 Uhr.

Stephen Nasser

Die Orte des Leidens