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Holocaust-Überlebende:"Ich hatte eine wunderschöne Kindheit - ab zehn."

Die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 erlebte die neunjährige Ruth auf sich allein gestellt. Doch in Tomaszów Mazowiecki traf die Familie wieder aufeinander. Nach dem Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946 beschloss der Vater, Polen endgültig zu verlassen. Zunächst lebte die Familie für zwei Jahre in Berlin, von 1948 an in München. "Ich hatte eine wunderschöne Kindheit", sagt Ruth Melcer, "ab zehn."

Ihre Mutter sei eine fantastische Gastgeberin gewesen, etwa bei Ruth Melcers zwölftem Geburtstag in Berlin.

(Foto: oh)

Im Gespräch erzählt sie, wie sie 1951 nach Tel Aviv ging, um dort ihr Abitur zu machen, aber 1954 nach München zurückkehrte. "In Israel war so viel Armut, das wollte ich nicht mehr." Sie machte eine Ausbildung zur Chemielaborantin und lernte schließlich ihren Mann Jossi kennen, mit dem sie nach Augsburg zog und drei Kinder bekam. Und als Ehefrau und Mutter blieb ihr nichts anderes übrig, als für die Familie zu kochen. Die Zubereitung von Essen habe sie eher als Pflicht betrachtet. "Mein Hobby ist Bridge, nicht kochen." Das Hausfrauendasein habe sie damals als intellektuell wenig herausfordernd betrachtet. Und wie viele nicht-fromme Juden war die Küche der Melcers nicht koscher.

Aber an hohen Feiertagen wie dem Pessach-Fest, das diesen Samstag beginnt, gab und gibt es traditionelles, jüdisches Essen. Normales Brot, zum Beispiel, kommt sieben Tage lang nicht auf den Tisch. "Unser Erbe sind die Geschichten, die Anekdoten und die Tradition", schreibt Ruth Melcer. "Und viele unserer Traditionen sind eng mit dem Essen verknüpft, besonders an Feiertagen."

Holocaust Das Ende des Holocaust Bilder
Die Befreiung von Auschwitz

Das Ende des Holocaust

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Etwa 7000 Menschen befanden sich noch in dem Lager - für immer gezeichnet von den Gräueltaten der Nazis. Bilder von damals und heute.

Melcer ist eine Frau, die trotz ihres Alters viel Kraft und Fröhlichkeit ausstrahlt. Dennoch sei es ihr nicht leicht gefallen, mit ihrer Biografie an die Öffentlichkeit zu gehen, sie habe nie als Zeitzeugin auftreten wollen, sagt sie. "Ich war keine von denen, die an Schulen geht." Jetzt, 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, hat sie ihre Meinung geändert. "Ich dachte, ich kann nichts erzählen, aber ich habe mich getäuscht. Es muss erzählt werden."

"Ruths Kochbuch - Die wunderbaren Rezepte meiner jüdischen Familie", Gerstenberg-Verlag, 160 Seiten, 19,95 Euro ISBN 978-3-8369-2095-7