Erinnerungsinseln FC Bayern gedenkt Holocaust - 26 Mitglieder starben in Konzentrationslagern

Michael Stephan vom Stadtarchiv (links) und Fabian Raabe von der FC Bayern-Erlebniswelt erinnern vor den Kammerspielen an Jugendspieler Adolf Bing, der in Auschwitz von den Nazis ermordet wurde.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Verein ruft gemeinsam mit Fans die Schicksale von Vereinsmitgliedern ins Gedächtnis zurück, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Von Christoph Leischwitz

Die Erinnerungstafel steht mitten auf dem Bürgersteig, trotzdem bleiben nicht allzu viele Passanten davor stehen. Die Maximilianstraße an einem Samstagmittag ist vielleicht auch nicht der ideale Ort, um so einem ernsten Thema zu gedenken: Menschen mit großen Einkaufstüten haben es meist viel zu eilig für so viel Text, viele von ihnen sind zudem leicht als ausländische Touristen auszumachen, die die Worte auch gar nicht verstehen könnten. Doch in gewisser Weise ist das Teil des Programms: "Ins Museum kommt meist nur ein interessierter Kreis an Menschen", sagt Fabian Raabe von der FC Bayern Erlebniswelt. Er hat sich einen roten Schal um den Hals gelegt, zusammen mit Fans des Netzwerks "Südkurve" will er die wenigen, die stehen bleiben, in ein Gespräch verwickeln.

Für die Bayern-Fußballer interessieren sich natürlich einige. Wenn jemand anhält, dann meist wegen des Vereinswappens, das auf der Schautafel ganz oben prangt. Und in diesem Moment hat die Idee dann ja auch funktioniert: Fußball gilt nicht nur als völkerverbindend, er kann auch dazu beitragen, den internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust anschaulicher zu machen.

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Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nutzt den 27. Januar seit 15 Jahren für Gedenkaktionen unterschiedlichster Art. Die Mitarbeiter der Erlebniswelt des FC Bayern haben diesmal in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und der Initiative "!Nie wieder" vier Münchner Orte ausgesucht, an denen schon einen Tag vor dem offiziellen Gedenktag die Geschichte des Vereins genutzt wurde, um mit Erinnerungsinseln auf die Gräuel der NS-Diktatur aufmerksam zu machen. Am Sonntag kamen die öffentlich angereisten Besucher des Bundesligaspiels gegen den VfB Stuttgart ebenfalls an den Erinnerungsinseln vorbei. Sie waren an der Esplanade vor der Fröttmaninger Arena aufgebaut.

"Wir wollten raus aus dem Stadion und in den öffentlichen Raum", sagt Michael Stephan, Direktor des Stadtarchivs. Den Klub oder die ihr nahestehende Kurt-Landauer-Stiftung habe man schon häufiger bei Recherchen unterstützt. Mitarbeiter Anton Löffelmeier, Autor des Buches "Die Löwen unterm Hakenkreuz", verbindet die Fußball- mit der Stadthistorie. Wer sich auf die Texte einlässt, ist meist verblüfft. Schnell wird klar: Fußballer eines Weltklubs machen den Alltag während der NS-Zeit persönlicher, und damit auch den Terror. Ein Passant mittleren Alters bleibt stehen, zündet sich eine Zigarette an und liest. Er sei Bayern-Mitglied, und ja, er sei wegen des Wappens stehen geblieben. "Wollt ihr denn gar keine Spende?", fragt er. Nein, man will einfach nur erinnern.

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Auf den Flyern, die an den Inseln verteilt werden, ist zu lesen, dass 26 Mitglieder des FC Bayern in Konzentrationslagern starben. Bei neun Mitgliedern konnte die Todesursache nicht geklärt werden, vier nahmen sich das Leben. Von 52 Personen ist bekannt, dass sie emigrierten. Die Erinnerungsinsel auf der Maximilianstraße war direkt vor den Kammerspielen aufgebaut, weil das Theater von 1926 an eine Fußballmannschaft hatte, die beim FCB unterkam. Der Verein galt als künstlernah. Damals war Benno Bing kaufmännischer Direktor des Theaters, sein Sohn Adolf spielte für die Bayern-Jugend. 1942 wurde er in Auschwitz ermordet.

In der Theatinerstraße 35 erinnerte der Stand vor dem früheren Arbeitsplatz des FC Bayern-Präsidenten Kurt Landauer, dem "Spitzen- und Wäschegeschäft Rosa Klauber", an die Reichskristallnacht. Das Gebäude wurde am 9. November 1938 zerstört. Am Eingang des Löwenbräukellers am Stiglmaierplatz ist ohnehin schon das Wappen des Vereins verewigt: Hermann Schülein, von 1924 an Generaldirektor von Löwenbräu, war ein wichtiger Förderer des Vereins. Er musste 1942 nach New York fliehen, reiste nach dem Krieg aber regelmäßig zurück in die alte Heimat. Und in der Bayerstraße wurde einem ehemaligen Mitglied und Hotelbesitzer gedacht, der von den Nazis enteignet wurde.

Die Bayern-Fans, die sich freiwillig zur Betreuung der Erinnerungsinseln gemeldet hatten, berichten von eher geringer Resonanz und davon, oft aktiv auf die Passanten zugehen zu müssen, um eine Diskussion zu entfachen. Demotiviert wirkten sie aber ganz und gar nicht, zumal sich Dutzende gute Gespräche ergeben hätten. Das sei doch ein Anfang, eigentlich müsse man die Sache in Zukunft noch größer aufziehen, hieß es am Ende.

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