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Mediziner:"Ich weiß, dass ich hier nichts verändern kann"

Einsatz im Elendsviertel: Kinderarzt Michael Hohlfeld untersucht sechs Wochen im Jahr kranke Kinder in Nairobi.

(Foto: Birte Mensing)

Michael Hohlfeld war Kinderarzt in Herrsching am Ammersee. Jetzt ist er im Ruhestand und hilft in einer Klinik in einem kenianischen Elendsviertel aus.

Wart ihr im Malariagebiet? Was tut dem Kind weh? Seit wann? Fieber?", fragt die Arzthelferin die Mutter auf Kisuaheli. Michael Hohlfeld hört das Kind ab. Er ist Kinderarzt aus München, seine Arzthelferin Eveline Otieno ist Dolmetscherin aus Nairobi. Sechs Wochen lang behandeln sie jeden Tag 30 bis 40 kranke Kinder. Ihr Arbeitsort: Raum 5 der ambulanten Klinik Baraka im Slum Mathare, am nordöstlichen Rand von Kenias Hauptstadt Nairobi. Knapp neun Quadratmeter, eine Liege, ein Schreibtisch, drei Stühle. Vor der Türe reihen sich Holzbänke, voll besetzt mit wartenden Müttern mit ihren Kindern.

Öffentliche oder private Krankenversicherungen sind in Kenia selten, nur ein Viertel aller Kenianer ist abgesichert. Alle anderen zahlen aus der eigenen Tasche. 18 Euro kostet ein Besuch beim Arzt - mindestens. Viele der Bewohner des Slums Mathare können sich einen regulären Arztbesuch nicht leisten. Und an diesem Punkt beginnt die Arbeit von Hilfseinrichtungen wie der Baraka Klinik. Dort kostet die Untersuchung samt Medikamenten nur umgerechnet zwei Euro. Kinder, die jünger als fünf Jahre alt sind, werden kostenlos behandelt. In Kenia kommen Nichtregierungsorganisationen für ein Viertel der Gesundheitsausgaben auf.

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Der Verein "German Doctors" hat die Klinik in diesem Elendsviertel 1997 gegründet und sorgt seitdem mit fünf ehrenamtlich tätigen deutschen Ärzten und Spendengeldern für den Betrieb. Die Ärzte in dem Programm arbeiten jeweils sechs Wochen in Kliniken in Kenia, Sierra Leone, Indien, Bangladesch und auf den Philippinen. Dort hatte Hohlfeld 2008 seinen ersten Einsatz, als er noch seine Praxis am Ammersee betrieb. Heute ist der 75-Jährige, wie viele der Ärzte, die nach Nairobi kommen, im Ruhestand.

"Ich wollte Albert Schweitzer werden", sagt Hohlfeld. Im Ausland arbeiten - das hat ihn schon als junger Mediziner gereizt. Aber er wurde Kinderarzt in Herrsching am Ammersee. Erst im Ruhestand eifert er seinem Vorbild in Afrika nach. Seit 2014 hat er mit Eveline Otieno jedes Jahr sechs Wochen zusammen behandelt: Lungenentzündungen, Malaria, Grippe, Entwicklungsprobleme, Vitaminmangel, Fehlernährung, Infekte. Die meisten Behandlungen klappen gut, nur für komplizierte Untersuchungen fehlen die Geräte.

Arzthelferin Otieno ruft die nächste Patientin auf. Das Mädchen zeigt ihren Ausschlag am Bein. "Komm doch auch kurz gucken", bittet der Arzt die Übersetzerin. Sie kennt sich mittlerweile gut aus, ihre Meinung ist ihm wichtig. Sie einigen sich: Es ist nicht nur ein Ausschlag, sondern wohl ein Hautpilz. "Also, was verschreiben wir?", fragt Otieno. "Eine Salbe mit Cortison und Paracetamol", antwortet Hohlfeld.

"Wer trägt dann das Risiko?"

"Ich könnte das auch alleine", sagt Otieno, "aber wer trägt dann das Risiko?" Sie fing vor zehn Jahren als Putzfrau in der Klinik an, zwei Jahre später wurde sie schon als Übersetzerin eingestellt. Einige deutsche Kollegen sind der Meinung, dass die Arzthelferin viele Eigenschaften besitzt, um eine gute Ärztin werden zu können. Aber ein Studium kann sich Eveline Otieno nicht leisten, sie muss drei Kinder ernähren.

Chronisch Kranke, die zum Beispiel an Tuberkulose erkrankt oder mit HIV infiziert sind, werden ausschließlich von kenianischem Personal betreut. Doch kenianische Ärzte einzustellen, um die deutschen Ärzte zu ersetzen, ist zum einen schwierig, weil es in Kenia zu wenig Fachärzte gibt. Zum anderen wäre es schlicht zu teuer. Außerdem nehmen sich die deutschen Ärzte mehr Zeit für den Einzelnen, weil sie nicht darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen, sagt George Audi, der Leiter der Klinik. Er erzählt von den Schwierigkeiten im Slum: regelmäßig Stromausfall, hohe Jugendarbeitslosigkeit, Frustration, Gewalt während der Wahlen. Dass die deutschen Ärzte immer nur vorübergehend hier arbeiten, akzeptiert er. Wichtig ist ihm die gute Versorgung der Patienten. Aber in jüngster Zeit sei es schwierig, rechtzeitig Arbeitsgenehmigungen für die deutschen Ärzte zu bekommen, sagt er.