Langzeit-Doku Hinterhöfe und andere Schätze in der Hohenzollernstraße

Es sind alte Bekannte und neue Gesichter, die Filmemacher Ettlich auf seinen Streifzügen durch die Straße sieht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wolfgang Ettlich hat zum dritten Mal in 16 Jahren einen Film über Läden und Menschen in der Schwabinger Einkaufsstraße gedreht.

Von Thomas Anlauf

Für Wolfgang Ettlich ist Filmemachen ein Spaziergang. Zumindest, wenn er wieder mal mit seinem Kameramann Hans Albrecht Lusznat durch die Hohenzollernstraße schlendert. Sieht man Ettlich beim Flanieren zu, wirkt er wie ein Teil der Straße mit all ihren Bewohnern und Händlern, Friseuren und Gastronomen. Der Regisseur und Filmemacher ist ein Türöffner im Wortsinn. Vor laufender Kamera betritt er Geschäfte und plaudert mit den Betreibern darüber, wie der Laden läuft. Dass tatsächlich nicht alles in Ordnung ist mit der Shoppingmeile Hohenzollernstraße, registriert Ettlich schon seit vielen Jahren. 2003 drehte er mit Lusznat die Dokumentation "Leben zwischen Schuhen und Klamotten" über Händler, Bewohner und Besucher der Schwabinger Einkaufsstraße, 2013 gab es eine Fortsetzung, und nun hat er den dritten Teil seiner Langzeitbetrachtung vollendet.

Es sind alte Bekannte und neue Gesichter, die Ettlich auf seinen Streifzügen durch die Straße sieht. Da ist zum Beispiel Sabine Casagranda mit ihrem Obst- und Gemüsegeschäft. Schon 2003 war sie da, "98 Prozent der Leute haben gesagt, genau das hat gefehlt", sagte sie damals in die Kamera. 15 Jahre später ist sie immer noch da. Dafür gibt es die alte Dame nicht mehr, die an der Hohenzollernstraße neben dem ehemaligen "Theater 44" jahrzehntelang eine Haarbedarfsboutique betrieb. 2013 war die Dame schon 84 Jahre alt, heute gibt es das Geschäft nicht mehr.

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Die Räume des legendären Theater 44, das 2009 nach 50 Jahren geschlossen wurde, hat sich Ettlich natürlich auch angesehen. Nun ist es ein Lagerkeller. Ettlich blickt für seine Dokumentation auch in Hinterhöfe und entdeckt eine alte Halle, in der früher eine Seilerei war. Die Menschen an der Hohenzollernstraße zeigen dem gebürtigen Berliner die verborgenen Schätze meist ganz bereitwillig. "Ich war früher ja Briefträger", sagt Ettlich, der auch nach einem halben Jahrhundert in Schwabing noch immer sein Berlinerisch pflegt. "Da hab' ich quatschen gelernt."

Aus Ettlichs Postlaufbahn wurde bekanntlich nichts. Er ging vor einem halben Jahrhundert nach München, studierte Politologie und Kommunikationswissenschaften, eröffnete schließlich mit seinem Freund Henry Heppel die Kleinkunstbühne und Kneipe "Heppel & Ettlich". Parallel dazu arbeitete er beim Bayerischen Rundfunk und gründete in den Achtzigerjahren eine Produktionsfirma. Ettlich, den eigentlich jeder "Wolle" nennt, machte sich einen Namen als Dokumentarfilmer, vor allem mit Langzeitdokumentationen. Für "Die Schützes - Helden zwischen Bananen und Kohl" erhielt er den Adolf-Grimme-Preis. Er hat einen Film über den Bau der Allianz-Arena gedreht und über das gescheiterte Hotelprojekt der Obdachlosenzeitschrift Biss. Gerade hat er einen neuen Auftrag übernommen, er soll einen Film über die Berliner Charité machen. "Ich habe nie richtig gesucht nach Themen, das hat sich immer ergeben", sagt Ettlich.

Wolfgang Ettlich mit seinem Kameramann Albrecht Lusznat (li.) und Tonmann Silvio Reichenbach (re.) beim Dreh in der Hohenzollernstraße.

(Foto: Wolfgang Ettlich)

Die Hohenzollernstraße als Langzeitprojekt bot sich natürlich an für den Schwabinger, der an der Feilitzschstraße im Haus des Drugstore noch immer seine kleine Produktionsfirma hat. Schließlich kennt er die Ecke seit einem halben Jahrhundert. Das Ergebnis der 15 Jahre langen Beobachtung ist am 23. Februar natürlich auf der Leinwand zu sehen, natürlich im Heppel & Ettlich. "Das ist sicherlich meine letzte Langzeitbeobachtung", sinniert er. "Ich werde jetzt 73, ich glaube, es reicht." Wer weiß. Vielleicht macht Wolle Ettlich in ein paar Jahren wieder mit seinem Kameramann Lusznat einen kleinen Spaziergang, um zu schauen, wie es der Hohenzollernstraße so geht.

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