Theater:Ein falsches Wort

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Theater: Zum Ausrasten: Natascha Heimes (Mitte) und Victoria Abelmann-Brockmann in "Sticks and Stones".

Zum Ausrasten: Natascha Heimes (Mitte) und Victoria Abelmann-Brockmann in "Sticks and Stones".

(Foto: Anna Schnauss)

Ercan Karacayli inszeniert im Hofspielhaus Vinay Patels brillante Satire "Sticks and Stones".

Von Egbert Tholl

Sie ist aufgeregt. Das große Meeting steht bevor, und wenn alles klappt, dann kommt es dort zu einem tollen Abschluss, der für sie bedeuten würde: Festanstellung, Aufstieg, mehr Geld und endlich mit dem Sohn die Reise nach Disneyland, wenn auch nur das bei Paris. Natascha Heimes flirrt und rast, kaum zu bremsen, lässig justiert die Musik (Gala "I'm the world") ihren Tatendrang. Doch dann kommt alles anders. Die Frau, die keinen Namen trägt und von Heimes gespielt wird, sagt ein falsches Wort. In einem Witz, am Ende des Meetings. Und so wenig wir erfahren, wer die Frau ist, ob sie überhaupt eine Frau ist, was sie konkret arbeitet, so wenig erfahren wir, was das für ein Wort ist. Nur so viel: ein böses Wort, ein Wort, das andere diskriminiert. Und die Welt der Frau, die hier Heimes ist, kracht zusammen.

Der britische (Drehbuch-)Autor Vinay Patel brachte im August 2018 sein Stück "Sticks and Stones" heraus, Daniel Holzberg, der praktischerweise auch gleich hier mitspielt, hat es übersetzt - die Inszenierung von Ercan Karacayli im Hofspielhaus ist seine deutschsprachige Erstaufführung. Ein Clou des Stücks ist, dass Patel zwar sehr genau Dialoge und Situationen der Auseinandersetzung fixiert, aber immer Leerstellen lässt, in die der Zuschauer hineindenken kann, Spekulationen, welchen Lapsus die Frau beging, sind erlaubt und notwendig, rekurrieren aufs eigene Verhalten, über das man beginnt nachzudenken. Wodurch sich jemand diskriminiert fühlt, weiß der am besten, der diskriminiert wird, das einzusehen fällt der Frau schwer. Und sie taumelt in einen Abgrund, auf dessen Grund sie zur Erkenntnis findet.

Die Musikalität und die Präzision von Karacaylis Inszenierung sind so rasant wie bemerkenswert. Neben Heimes spielen (und singen) Holzberg und Victoria Abelmann-Brockmann diverse Rollen, scharf voneinander getrennt, lebendig, exakt beobachtet. Kollegen, Vorgesetzte, manche sind solidarisch, andere eher lauernd, wieder andere sind entsetzt. Eine tolle, notwendige Unternehmung.

Sticks and Stones, bis 10. Dezember, Hofspielhaus, Falkenturmstr. 8, Telefon: 089/24 20 93 33

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