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Hofspielhaus:Germany's next Märtyrer

Jugendclub-Produktion des Hofspielhauses: Greata & Jeanne

Zeitsprung: Jeanne (Annika Bachl) umringt von Klimaaktivisten.

(Foto: Hofspielhaus)

Der Jugendclub des Hofspielhauses widmet sich kämpferischen Teenagern

Von Barbara Hordych

Auch wenn mehr als fünf Jahrhunderte sie trennen, die eine sich als Atheistin, die andere sich als von Gott beauftragt begreift, liegen die Gemeinsamkeiten zwischen Jeanne d'Arc und Greta Thunberg auf der Hand: Mit unverrückbarer Unbedingtheit stehen beide für ihre Überzeugungen - noch im Teenageralter fühlen sie sich aufgerufen, die Welt zu retten. Während diese Welt um 1430 für Jeanne d'Arc ihr Heimatland Frankreich ist, das sie von den englischen Besatzern befreien will, denkt die schwedische Umweltschutzaktivistin Greta Thunberg, da ganz Kind unserer Zeit, die Welt global. Beide werden zu Ikonen für eine enthusiastische Schar von Anhängern, aber auch Zielscheiben für unverhohlenen Hass.

Straff sind denn auch die Seile gespannt, zwischen denen sich Annika Bachl als Jeanne im Loft des Hofspielhauses windet, wo die Jugendclub-Produktion "Greta & Jeanne" Premiere hatte. Immer straffer werden sie gezogen, wenn die Ku-Klux-Klan-ähnlich mit Kutten, Kapuzen und weißen Masken ausstaffierten Vertreter des Kirchentribunals sie in ihrem Prozess befragen: Warum sie "Mannskleider" trage, will der Richter (Vincent Tandler) ein ums andere Mal von der gefangenen Jeanne wissen. Wie die Engel und die Heilige Margareta aussähen, deren Stimmen sie im Auftrag Gottes zu ihrem Tun verleitet hätten? Unmissverständlich führt er ihr vor Augen: Wenn sie ihre Offenbarungen nicht widerrufe, "dann steht Euch das ewige Feuer für die Seele und das zeitliche Feuer für den Leib bevor durch das Urteil".

Wieder zurück in ihren Kerker geworfen, wird Jeanne einer neuen Zellengenossin gewahr: Ein junges Mädchen mit schwarzen Zöpfen und einem Schild in der Hand. "Ich bin Greta" verkündet sie, und für Jeanne ist es naheliegend, sie mit der ihr vertrauten "Heiligen Margareta" zu identifizieren. Auch wenn sie nicht recht versteht, was das denn sein soll, dieses "New York", zu dem Stella Achter als Greta mit ihr per Schiff reisen will, um vor den Vereinten Nationen eine Rede zu halten. "Ich streike dafür, dass die weltweiten CO2-Emissionen bis 2030 halbiert werden", erklärt sie Jeanne.

Für das Stück "Greta & Jeanne" hat Autor und Regisseur Sascha Fersch die Aussagen Jeannes aus den historischen Prozessakten entnommen und im Kontext einer fiktiven Begegnung mit Interviewaussagen von Greta Thunberg sehr eindringlich und pointiert kombiniert. Die beiden landen in einer Talk Show, in der Tandler, der zuvor apfelkauend den Richter des Kirchentribunals gab, nun als zynischer Moderator der Show "Germany's next Märtyrer" fungiert. In einer "Blitzrunde" Greta gegen Jeanne will er wissen, welche der beiden "großen Ikonen" mehr Follower hat, welche die "bessere Jungfrau", ist, welche mehr Umsatz mit ihren Namensrechten macht und welche das Kreuzfeuer des "digitalen Scheiterhaufens" länger aushält.

Natürlich sind die acht Mitglieder des Jugendclubs keine professionellen Schauspieler. Wobei Bachl und Tandler, die seit vier Jahren dem Jugendtheater-Programm in Christiane Brammers Hofspielhaus angehören, bereits beachtliche Leistungen zeigen. Der bestechende Charme der Inszenierung liegt indes genau in seiner Nicht-Perfektheit: Schließlich waren und sind auch die Bauerntochter aus Frankreich und die schüchterne Klimaaktivistin aus Schweden keine professionellen Rhetorikerinnen. Obwohl angreifbar und verletzlich in ihrer Jugendlichkeit, wurden sie dennoch zu Anführerinnen ihrer jeweiligen Mission.

Greta & Jeanne, noch am Montag und Dienstag, 5. und 6. Okt., 20 Uhr, Hofspielhaus, Falkenturmstr. 8

© SZ vom 05.10.2020
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