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Hörenswert:Überraschende Bühnenreife

Wie sich die Wiederentdeckung von Juliane Bendas Liedern lohnt

Von Rita Argauer

Die Zeit schluckt viele Kunstwerke und Künstler. Kein Mensch hört heute viel von Henri Herz, der einst weitaus populärer war als sein Zeitgenosse Robert Schumann. Dass Clara Schumann auch komponierte, wissen ebenfalls wenige, unabhängig davon, dass ihre Stücke relativ häufig aufgeführt werden. Anders ist das bei Fanny Hensel, Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Deren Stücke werden denen des Bruders zur Seite gestellt, wenn man ein besonders diverses Programm gestalten will. Juliane Benda ist noch unbekannter. Sie lebte früher und kürzer, von 1752 bis 1783. Sie entstammte einer Musikerfamilie und war mit dem Komponisten, Philosophen und preußischen Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt verheiratet. Sie starb früh an Kindbettfieber nach der Geburt ihres vierten Kindes. Sie soll eine umwerfende Sopranstimme gehabt haben. Und sie komponierte.

Der Münchner Pianist und Komponist Oliver Andreas Frank hat nun einen Teil ihrer Lieder wiederentdeckt, neu ediert und sie mit der Münchner Sopranistin Judith Spiesser erstmals eingespielt. Es ist eine seltsame Welt, in die man da klanglich geworfen wird. Die Klavierbegleitung, die Benda in ihren Gedichtvertonungen geschrieben hat, ist simpel. Die Gesangsmelodie wird etwa einfach gedoppelt, hier geht es nicht um Virtuosität, sondern um die Möglichkeit, sich hausmusikalisch beim Singen selbst zu begleiten. Benda schrieb für den Hamburger Musenalmanach - ein Heft, herausgegeben von Johann Heinrich Voß, in dem auch Vertonungen aktueller Lyrik veröffentlicht wurden. Genauso einfach wie der Klaviersatz ist auch die von Benda komponierte Form. Es sind Strophenlieder. Dieselben Melodien wiederholen sich Strophe für Strophe.

An diesem Punkt hat Oliver Frank eingegriffen. Denn mit der Edition und seiner CD, die er nun herausgebracht hat, bringt er die Musik Bendas auf eine potenzielle - im Moment nur imaginäre - Konzertbühne. Weg vom Hausgebrauch, weg vom Wohnzimmer. Die Spannung auf der Bühne, wenn man im längsten Fall elf Strophen lang dieselbe Melodie wiederholt, ist für Musiker kaum zu halten. Also griff Frank kompositorisch ein und variierte Bendas Stücke. Und hier wird es spannend.

Benda hat auf ihre eben sehr zurückgenommenen Klaviersätze sangliche Dramen gesetzt. Man spürt die Nähe der Komponistin zur Oper. Es beginnt mit einer Vertonung von Johann Millers "Der Eidbruch" voller Tragik und Schwere. Friedrich Klingers "Sophiens Liebe" folgt hüpfend wie ein Jugendfrühling. Kurz, schnell, verfliegend, weil Frank und Spiesser immer nur eine Strophe aufgenommen haben. Dann folgen Franks Variationen, die für die folgenden Strophen den Klaviersatz fortschreibt. Das Klavier reißt unter dem beinahe gleich bleibenden Gesang aus, stört, ist wild, aber nie so wild, dass es das harmonische Grundgerüst oder den sanglichen Ausdruck zerfräßen würde. Es ist seltsam, weil Frank durch seine modernen Eingriffe diese klassische Musik nicht in die Gegenwart, aber in die Nähe eines romantischen Ausdrucks zerrt. Bendas geistiges Umfeld speist sich aus Kant und Carl Philipp Emanuel Bach, ihr emotionales aus dem Sturm und Drang. Frank holt Bendas Musik nun auf den unsteten Boden der Romantik. Eine seltsam retrospektive, aber epochenübergreifende Verwandlung. So entstehen Miniatur-Arien und ein musikalisches Rezitativ in Form der Variation dazu. Teils ein wenig sperrig, teils ein wenig gleichförmig. Aber in den meisten Momenten absolut hörenswert.

Juliane Benda & Oliver Andreas Frank: Lieder 1782 & 2020, Palaion Records

© SZ vom 19.04.2021
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