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Hörenswert:Farbenpracht

Maximilian Stephan von "Carpet" gibt sein Solo-Debüt als Half Pair

Von Martin Pfnür

Farbwolken im schwarzweißen Dickicht: Auch das Cover seines Solo-Debütalbums als "Half Pair" hat Maximilian Stephan selbst gestaltet.

(Foto: Maximilian Stephan)

Halb verdeckt von den Farben, die durch den dichten Schwarzweißwildwuchs wabern, steht er inmitten des Albumcovers. Die Augen hinter der Brille geschlossen, als ob er das bunte Leuchten um ihn herum gerade selbst herbei imaginieren würde: dieses teils kräftige, teils transparente Himmelblau, das unten im Gesträuch wie eine Rauchwolke einem satten, in ausgewaschenes Rot changierenden Orange zu entspringen scheint und die Blätter oben im Geäst in ein schwärzliches Lila tunkt.

Es sind visuelle Entsprechungen eines Albums, das trotz seiner imposanten Palette an Klangfarben und Stilrichtungen das Kunststück vollbringt, weder im zeitgeistigen Playlist-Eklektizismus à la The 1975 noch in der Pastiche zu versanden. Dafür sind die elf Songs, die Maximilian Stephan auf seinem selbstbetitelten Solo-Debüt als "Half Pair" versammelt, in ihrem kristallklaren Sound und ihren erstaunlichen Wendungen schlicht zu charakteristisch, zu homogen und unberechenbar.

Zwar lässt sich durchaus heraushören, dass Stephan, sonst Sänger und Gitarrist der Augsburger Psychedelic-Rockband Carpet, auf den Schultern von Giganten sitzt, wenn er den Spuren der späten Beatles mitunter bis hinein in Paul McCartneys schunkelige Music-Hall-Nummern oder George Harrisons verspulte Indien-Trips folgt; wenn er ebenso experimentierfreudig wie Radiohead zwischen Synthiezirpen und Streicherwogen zu einer spezifischen Form digital-analoger Melancholie findet; oder wenn er an der Gitarre einen extrabuttrigen David-Gilmour-Gedenkblues in den weit geöffneten Raum schickt.

Und doch gehen die über zwei Jahre und nahezu im Alleingang im Studio des Augsburger Musiker-Kollektivs "Albert Matong" (etwa Carpet, Dr. Drexler Project, Der Herr Polaris) eingespielten und produzierten Songs weit über die bloße Hommage hinaus, sind vielmehr clever entlehnter und weitergesponnener Teil eines Kosmos, der in seiner Vielfalt auch fein geschliffene Elektro-Pop- und ätherisch ausklingende Ambient-Stücke umfasst. Gerade mal 400 Vinyl-Platten zählt die Auflage dieses selten schönen 40-minütigen Sehnens, das bereits im Projektnamen mitschwingt. Wer diese organisch verwobene Klangfarbenpracht nicht nur streamen möchte, sollte sich also beeilen.

Half Pair ist via Albert Matong Atelier für Musik erschienen und als Vinylplatte auf halfpair.bandcamp.com bestellbar

© SZ vom 11.08.2020

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