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Hörenswert:Dann kommt die Moral

Die Musikerin Bernadette La Hengst holt Brecht ins Heute

Von Christian Jooß-Bernau

Endlich, im Mai 1941, bekam er sein Einreisevisum. Ein Schiff brachte Bertolt Brecht nach Santa Monica - und doch kam er niemals an. In diesem Land, das auf einen wie ihn nicht gewartet hatte. Im Mai dieses Jahres wurde im Festspielhaus Hellerau in Dresden ein Programm aufgenommen, das jetzt seinen Weg auf CD gefunden hat: "Banda, Bernadette & Brecht" heißt es, entstanden im Rahmen des Augsburger Brecht-Festivals und erschienen auf dem Münchner Label Trikont. Der Dichter spricht hier als Heimatberaubter, der den Mördern entkam und auf der anderen Seite der Welt kein Bein auf den Boden brachte. Dass die Erfahrung von Flucht und Vertreibung auch für Deutsche nicht lange zurückliegt, ist zuletzt immer wieder als Korrektiv zum sichtbar werdenden Rassismus betont worden. Und ganz im Sinne der didaktischen Kunst Brechts wird der Dichter hier als Zeuge für die Verwerfungen aufgerufen.

Wie vieles, was schön gedacht ist, könnte es leblos sein, hätte man nicht die richtigen Boten gefunden, die keine Hemmung haben, Brecht so zu nehmen, wie er ihnen unterkommt. Bernadette La Hengst ist als Interpretin überfällig, weil sich bei ihr der Pop über die Jahre ihrer Solokarriere seit Die Braut haut ins Auge zum Ort kollektiven Aufbruchs entwickelt hat. Die Euphorie, die eine Melodie befeuert, ist für Bernadette Energie, mit der sich die gesellschaftliche Verbesserung hin zum Sozialen vorantreiben lässt. An ihrer Seite spielt die Banda Internationale, eine Band aus Dresden, die unermüdlich multinationale Soundträume gegen den Hass der Rechten setzt.

Alles beginnt mit dem Pass, der anerkannt wird, "wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird". Brechts Erkenntnis ist schlagend und bis heute bürokratisch zementierter Grundstein dieses Elends. Er selbst hat seines im "Sonett in der Emigration" besungen. Gut 70 Jahre später passt plötzlich ein Lied der Goldenen Zitronen, "Wenn ich ein Turnschuh wär", auf das Elend all derer, die sich für ein Leben mit Zukunft aufs Meer wagen. Bernadette bringt ihren Song Mutterland mit, das lange schon abgebrannt ist: "Wir sind vertrieben / ein Leben lang / Wohin wir auch fliehen / wir kommen niemals als an / Nur dort wo wir lieben / ist neues Land", singt sie, ein Solo der Oud antwortet auf die E-Gitarre als musikalische Feier der west-östlichen Liebe. Die Banda Internationale ist ein orchestraler Klangkörper, der in erstaunlicher Homogenität und rhythmisch exakt die Integration der Welten schafft.

Geht man 2020 vor die Tür, hört man, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist. Man möchte verzweifeln angesichts der Ignoranz. Aber ein sterbendes Pferd ist's, das bei Brecht den gleichgültigen Menschen sogar noch Verständnis entgegen bringt: "Wer schlägt da so auf sie ein / dass sie jetzt so durch und durch erkaltet?" Wem die Güte dieser Kreatur nicht eigen ist, den überkommt der Weltekel wie aufsteigende Übelkeit: "Die Welt gefällt mir nicht mehr", singt Bernadette als eine über dem Brausen schwebende Chanteuse um sich dann hineinzustürzen in den Wirbel, sich die Stimme stoßend an E-Gitarre und Rhythmus - ein großes Stück Interpretationskunst. Und retardierendes Moment auf dem Weg nach morgen. Nach Brechts "Lob der Dialektik", das den Drang zur Veränderung zurückgibt in die Hände aller, singt Bernadette ihren nach vorne stürmenden Ermächtigungs-Pop "Wir sind die Vielen". So endet die Platte in einer Gemeinschaft, an deren Vernunft und Moral Bernadette und die Banda den Glauben noch nicht verloren haben.

Banda, Bernadette und Brecht, Trikont

© SZ vom 29.12.2020
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