Forschung Blau macht wach, Rot beruhigt

Bei der Lichtwoche im vergangenen Jahr haben die Aktivisten von "Guerilla Lighting" mit Scheinwerfern Wörter in die Luft gemalt. Der Schreibfehler war Absicht, um auf Missstände in der Bildung hinzuweisen.

(Foto: Guerrilla Lighting/Ingo Sebastian)

An der Hochschule München erforschen Wissenschaftler, wie Licht den Menschen beeinflusst. Ihre Arbeit wirkt sich auch auf die Planung von Altersheimen und Schulen aus.

Von Sabine Buchwald

Wie Licht unser Befinden beeinflusst, ist - verkürzt ausgedrückt - Forschungsthema von Herbert Plischke, Elektrotechniker, Humanmediziner und seit 2013 Professor an der Fakultät für angewandte Naturwissenschaften und Mechatronik an der Hochschule München. Er und sein Team suchen seit Jahren nach Erklärungen, wie Menschen bestimmte Wellenlängen des Lichts wahrnehmen und was das mit ihnen macht. Die Erkenntnisse fließen bereits ein in die Planung Münchner Altersheime und Schulen. Dort sind die Wissenschaftler daran beteiligt, spezielle Beleuchtungskonzepte zu entwickeln.

Wer wacher ist, kann besser lernen. Das ist kein Geheimnis. Im Winter morgens um acht topfit eine Prüfung zu schreiben? Darauf ist der Mensch genetisch nicht eingerichtet. Denn eigentlich, wenn man an die allerfrühsten Vorfahren denkt, wären wir noch bereit zu schlafen, weil das Tageslicht fehlt. Helligkeit kam früher nur von der Sonne oder vom Lagerfeuer. Wir seien zu Innenraum-Menschen geworden, sagt Johannes Zauner, der sich in seiner Doktorarbeit speziell mit der Lichtrezeption der Pupille befasst. Der 33-Jährige hat Innenarchitektur studiert und verbindet nun sein Wissen über Raumgestaltung mit dem, was er zusammen mit Plischke erforscht. "Die Wissensbasis ist da, aber der Transfer ist schleppend", sagt Zauner. Denn Beleuchtungskonzepte sind kostspielig und ästhetisch umstritten.

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Wichtig ist die Erkenntnis, dass Licht eine Frage der individuellen Wahrnehmung ist. So gibt es etwa Unterschiede zwischen Frauen und Männern, jüngeren und älteren Menschen. Mit zunehmendem Alter trüben sich die Linsen, so dass weniger Licht bis an die Netzhaut gelangt. Wie man auf Beleuchtung reagiert, kommt aber vor allem auf das Spektrum der Lichtwellen an. "Wir brauchen eigentlich Außenlicht, um uns auf den Tag einzustellen", sagt Zauner. Licht mit einem hohen Blauanteil könne helfen, wacher und aufmerksamer zu werden. Blaue Wellenlängen können uns im umgekehrten Fall aber auch den Schlaf rauben. Deshalb solle man vor dem Zubettgehen grelles Licht im Bad vermeiden, sagt Zauner. Man werde davon nämlich wieder wach.

Bestimmte Ganglienzellen im Auge, die auch bei blinden Menschen aktiv sind, enthalten das Fotopigment Melanopsin. Es ist wichtig, um das Hormon Melatonin zu bilden, das normalerweise bei Einbruch der Dunkelheit ausgeschüttet wird und dem Körper vermittelt, dass nun die Ruhephase naht. Die blauen Lichtwellen bewirken, dass das Hormon unterdrückt wird - vorbei ist es also mit dem Schlaf. Um dies zu vermeiden, sollte man abends von Leuchtmitteln mit einem hohen Rotanteil umgeben sein. Das wirkt in der Regel beruhigend.

Auf Betreiben von Plischke und Zauner hat man in der Hochschule an der Lothstraße einen speziellen Arbeitsraum eingerichtet, in dem Dozenten wie Studenten forschen können. In diesem speziellen "Lernlabor" lassen sich die Lichtquellen über eine App regulieren und die Reaktionen von Auge, Gehirn und Körper darauf untersuchen. Schon jetzt sei die Hochschule Ansprechpartnerin für die Stadt etwa bei Bauvorhaben, sagt Zauner. Und die Zukunft seien dynamische Lichtlösungen. Kommenden Montag, 17 Uhr, erklärt Herbert Plischke im Rahmen der Münchner Lichtwoche in dem Lernraum neue Forschungsergebnisse.

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