bedeckt München 32°

Forschung:"Es ist schwierig für einen Philosophen, nicht zu denken"

Barbara Schellhammer, 2018

Das Spezialgebiet von Barbara Schellhammer ist die Kulturphilosophie.

(Foto: Robert Haas)

Barbara Schellhammer beschäftigt sich mit den Inuit im Norden Kanadas und erforscht, wie Kulturverlust auf Menschen wirkt. Bald könnte sie die erste Professorin der Hochschule für Philosophie der Jesuiten werden.

Plötzlich war sie mit dem Jungen allein. Er war zu dieser Zeit erst 17, aber groß und muskulös, wie viele Inuit. Und er hatte ein Verbrechen begangen. Es lag Schnee. Es war kalt. Bis zu minus 40 Grad können es im äußersten Norden von Kanada werden. Er werde nicht mehr weitergehen, sagte der Junge zu ihr. Er machte es sich auf einem Baumstamm bequem, Barbara Schellhammer setzte sich zu ihm. Obwohl ihr unwohl zumute war, obwohl sie ein bisschen Angst hatte vor dem, was gleich passieren könnte. Aber der Junge tat ihr nichts. Er erzählte ihr eine Geschichte. Seine Geschichte.

21 Jahre war Barbara Schellhammer da alt. Zum ersten Mal war sie 1998, damals gerade in München für den Studiengang Soziale Arbeit eingeschrieben, in Kanada. Sie arbeitete mit Jugendlichen, die kaum älter waren als sie und die doch ein ganz anderes Leben hinter sich hatten. Schwer Erziehbare waren darunter, Gewalttäter, Sexualstraftäter. Jeden Morgen setzte sich Schellhammer mit ihnen in einen Kreis, und die Jungen erzählten. Was sie getan hatten. Aber auch, warum sie es getan hatten. Es waren schlimme Geschichten. Aber auch welche, die Schellhammer nicht mehr losgelassen haben.

Mobiles Leben Weiß in allen Farben
Unterwegs in der kanadischen Arktis

Weiß in allen Farben

Der Dempster Highway im Norden Kanadas führt während der Wintermonate durch eine faszinierende, fast menschenleere Eislandschaft. Das macht jede Begegnung zum Abenteuer.   Von Ingrid Brunner

Sie lebte damals in einer Gegend, in die wohl nur wenige Europäer freiwillig ziehen würden. In der so heftige Schneestürme toben, dass man auf dem Weg zum Nachbarhaus erfrieren kann. In der die kargen Häuser auf Stelzen in das Eis getrieben sind, damit sie der zerstörerischen Kraft der Natur standhalten. Und in der es die Sonne die Hälfte des Jahres nicht über den Horizont schafft. Und trotzdem sagt Barbara Schellhammer, es sei dort wunderschön gewesen.

Das war vor knapp 20 Jahren. Jetzt könnte Schellhammer, 41, die erste weibliche Professorin an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten werden. Dozentin für Kulturphilosophie ist sie bereits, als erste Frau mit einem festen Arbeitsvertrag an der Hochschule des Männerordens.

Ihre Doktorarbeit hat sie über die Ureinwohner im nördlichen Kanada geschrieben, über die Inuit, die statistisch gesehen überproportional häufig straffällig werden. Schellhammer beschäftigte sich mit der Frage nach dem Warum. Seit mehr als 20 Jahren fährt sie regelmäßig nach Kanada. Seit ihr der Junge im Wald seine Geschichte erzählt hatte.

Wenn der Junge bestraft werden sollte, ging der Vater mit ihm zum Fluss. Er nahm dann den Kopf des Jungen und drückte ihn in das eiskalte Wasser. Bis der Junge dachte, er würde ertrinken. Dann zog der Vater ihn wieder heraus. Und drückte ihn wieder ins Wasser. Sinnlose Todesangst eines Jugendlichen, eines Kindes. Was macht das mit einem? "Man holt sich erlebte Gewalt zurück, indem man über andere verfügt", sagt Schellhammer. Deshalb landete der Junge in Ranch Ehrlo, der Einrichtung für schwer erziehbare und straffällig gewordene Jugendliche, in der Schellhammer in ihrer ersten Zeit in Kanada gearbeitet hatte. Und deshalb saß er alleine mit Barbara Schellhammer in dem verschneiten Wald und erzählte. Von dem, was er erlebt hatte. Von dem, was er getan hatte. Und wovon er träumte. Er würde gerne einmal eine eigene Familie haben, Frau, Kinder, vielleicht irgendwann mal Enkel. Schellhammer hörte zu, die ganze Zeit, bis der Junge fertig war. "Jetzt können wir gehen", sagte er am Ende.

Hochschule in München Die Erbinnen von Fräulein Dr. Hartmann
Frauen in der Wissenschaft

Die Erbinnen von Fräulein Dr. Hartmann

Vor 100 Jahren hielt die erste habilitierte Frau in Deutschland ihre Antrittsvorlesung in München. Bis heute gibt es wenig Medizin-Professorinnen, dabei sind die Studentinnen in der Überzahl.   Von Sabine Buchwald

Schellhammers Blick wandert beim Erzählen langsam über den Schreibtisch in ihrem Büro in der Hochschule. Notizbuch, Schlüsselbund, Handy, viel mehr liegt darauf nicht herum. "Es ist schwierig für einen Philosophen, nicht zu denken", sagt sie dann. Wenn Schellhammer von ihrer Arbeit erzählt, ist sie mit ihren Gedanken zurück in Kanada. Zurück in Saskatchewan, 3 000 Kilometer nordwestlich der kanadischen Hauptstadt Ottawa. Zurück bei den Inuit, zurück bei Justin, dem Jungen aus dem Wald - Schellhammer hat seinen Namen nicht vergessen.

Vier bis fünf Prozent der kanadischen Gesamtbevölkerung machen die Inuit aus. Unter den Gefängnisinsassen liegt ihr Anteil dagegen bei fast einem Viertel. "Wenn man so will, sind die kanadischen Gefängnisse die größten Reservate", sagt Schellhammer.