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Hochhäuser für München?:Spekulationsobjekte einer Möchtegerngroßstadt

Über die Argumente für Gebäude jenseits der 100-Meter-Höhengrenze

Hochhäuser in München: Meist sind es Bürotürme, aber es gibt auch hohe Wohnhäuser, wie hier in Obersendling, Carola-Neher-Straße.

(Foto: Claus Schunk)

"Es geht hoch hinaus - und hoch her" vom 13. Dezember über die Frage, ob in München wieder Hochhäuser jenseits der 100-Meter-Marke zulässig sein sollen:

Zu billig hergeschenkt

Eine gewisse Aufbruchstimmung für Hochhäuser macht sich breit, dabei wird Vieles übersehen: München braucht Wohnraum, bezahlbaren Wohnraum. Bis zu welcher Geschosshöhe ist ein Wohnhaus sinnvoll und wohnlich? Und: wenn Hochhäuser städtebaulich bejubelt werden, wird stets die Bayerische Verfassung vergessen. Nach Art. 161 Abs 2 müssen aufwandslose Wertsteigerungen von Grundstücken für die Allgemeinheit nutzbar gemacht werden. Bei der Paketposthalle etwa existiert bislang kein Baurecht für Hochhäuser. Die Stadtplanung hat in solchen Fällen in den vergangenen Jahren schon viel zu viel Geschenke ausgereicht und dafür lediglich Almosen (SoBoN) verlangt und erhalten. Gerd Baumann, München

Machtdemonstrationen

"Sollen die Bürger über die 100-Meter-Marke abstimmen, oder entscheiden die Politiker selbst?" Sebastian Krass fragt nicht: entscheiden die Bürger oder die Politiker? Er fragt: "Entscheiden die Politiker selbst?" Entlarvender hätte die Frage nicht formuliert werden können. Ist sich die SZ - trotz monatelanger Schönfärberei zweier Wolkenkratzer im Stadtviertel Neuhausen-Nymphenburg - nicht sicher, ob sich genügend Münchner Bürger von einer Werbekampagne der Kommunikationsagentur Heller und Partner für den Projektentwickler Ralf Büschl (oder Bauwens) "wachküssen" lassen? Ich fordere Sie auf: Veröffentlichen Sie die Perspektive, die das Büro Herzog & de Meuron den interessierten Bürgern am 24. Juli bei einer Infoveranstaltung des Investors nur zwei Sekunden zumutete: Die Perspektive vom Denkmalensemble Schloss Nymphenburg aus mit den vollkommen deplatzierten 155 Meter hohen Türmen über den Rondellhäusern. Glücklicherweise verzichtete das Büro bei der Sichtachsenüberprüfung auf den Trick der Nebelmaschine. Nebel gibt es vor allem im Herbst. Er kann so dicht sein, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sieht. Ich hoffe auf Auflösung des Frühnebels und klarere Sicht! Auch bei den Architektenkollegen. Vielleicht können Sie dann Wolkenkratzer endlich als das erkennen, was sie sind: eine Machtdemonstration und Spekulation par excellence. Architektur für Menschen sieht anders aus. Eine Stadtplanung und Bürgerbeteiligung auch. Elke Wendrich, München

Das Einerlei der Glasfronten

Schlechte Ideen werden nicht besser, nur weil sie alle zehn Jahre von jemand neu ausgegraben werden. Gibt es wirklich neue Argumente für Gebäude jenseits der 100-Meter-Höhengrenze in München? Natürlich kann sich München entscheiden, die gleiche Entwicklung zu nehmen wie viele andere Millionenstädte weltweit. Aber, wollen wir das? So sein wie alle anderen? Die eindrucksvolle, mit viel Vergangenheit verknüpfte Stadtansicht aufgeben? Und wofür?

Für eine "Skyline", wie sie heute verwechselbar und gesichtslos in jeder geschichtsvergessenen Möchtegerngroßstadt vorkommt?

Ja, als New York sich vor 100 Jahren aufmachte, die erste Stadt der Welt mit einer Skyline zu werden, da wurde damit etwas Neues und Einzigartiges geschaffen. Aber heute? Heute vernichten Skylines die Einzigartigkeit der über viele Jahrhunderte gewachsenen europäischen und asiatischen Städte. Wer Bilder von Hongkong, Shanghai und Singapur, Dubai und Abu Dhabi oder Chicago betrachtet, wird sich schwer tun, die Städte sicher zu unterscheiden. Wie riesige Bauklötze stapeln sich klotzige Rechtecke und vereinzelte Gurken, Birnen oder Bananen. Aber einzigartig? Nein, eine Glasfront wie die andere.

München dagegen - schon der erste Blick, der von Norden kommend über die Dächer bis zu den Alpenkämmen gleitet und sich nur an Olympiaturm und Frauenkirche verfängt, weiß, das ist daheim. Selbst die fliegende Untertasse in Fröttmaning konnte das Ensemble nicht entscheidend zerstören, bis jetzt. Aber mit jedem durcheinandergeworfenen Legostein wird es schwieriger.

Und wozu? Nicht für die Menschen, die hier leben und arbeiten. Nicht für den Genuss, in einer schönen Stadt zu flanieren und im Café die warme Sommerluft zu genießen.

Nein, reine Profitgier. Möglichst viel Geschossfläche aus jedem Quadratmeter Grund zu ziehen und vielleicht noch ein Stück Profilierungssucht: "Meiner ist der höchste."

"Es geht ja nur um vereinzelte 'Leuchttürme', innovativ und architektonisch ach so wertvoll", werden jetzt die am Geldhahn der Investoren Hängenden einwenden. Und Schritt für Schritt fällt die 100-Meter-Grenze, und mit jedem Turm wird der nächste "städtebaulich verträglich", weil, da gibt es ja schon einen Turm in nächster Umgebung.

Es ist unsere Stadt, lasst sie uns lebenswert erhalten, weil wir hier leben. Dieter Maier, Neuried

Wo bleibt der Denkmalschutz?

Vorausschauendes Denken ist nur wenigen Menschen gegeben, den Münchner Stadträten fehlt es. Da wird am Hauptbahnhof ein riesiges neues Gebäude geplant. München braucht aber keine weitere Shoppingmall, zumal die Einzelhändler schon mit dem Internethandel zu kämpfen haben. Auch Büros braucht München erst mal nicht. Warum keine Wohnungen dort planen, günstige zumal, für all die Helfer, von Reinigungspersonal bis Küchenhilfen, et cetera. Die hätten dann keine weiten Wege zur Arbeit. Denn was am Hauptbahnhof fehlt, ist ein Verkehrskonzept. Der öffentliche Nahverkehr ist jetzt schon überlastet, vom Straßenverkehr nicht zu reden.

Genau das ist es, was auch an den geplanten Türmen bei der Paketposthalle fehlt: ein Verkehrskonzept. Und das ist insgesamt das Problem beim In-die-Höhe-Bauen. Man gewinnt Platz, nur leider nicht auf der Straße. Im übrigen sind die Türme schon deshalb zu hoch geplant, weil sie die Paketposthalle marginalisieren. Und eigentlich sollte doch die Halle, die unter Denkmalschutz steht, das entscheidende Element des Ensembles sein. Barbara Bauer, Stockdorf

© SZ vom 02.01.2020
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