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Hochhäuser für München:Eigentlich nur Nachteile

Ein Gewinn sind hohe Türme nur für Investoren, nicht für die Menschen und nicht fürs Klima. Die Stadtplanung sollte das beherzigen

"Hochfliegende Pläne" vom 5./6. Januar und Leserbrief "Exklusiv, aber nicht nötig" vom 16. Januar, zur Münchner Hochhaus-Debatte:

Zu den "Streitpunkten" in der aktuellen Münchener Hochhausdebatte und speziell zur laufenden Online-Gesprächsreihe "Hoch hinaus" des Planungsreferats sind für mich folgende kritischen Aspekte wesentlich:

Hochhäuser bedeuten einen massiven Eingriff in das Stadtbild Münchens - beeinträchtigte Sichtbeziehungen, Verschattung, Windturbulenzen am Boden, thermische Aufheizung, ständige Dominanz, wenig attraktive und alltagstaugliche Erdgeschosszonen mit Umfeld.

Hochhäuser sind unwirtschaftlich, teuer in Herstellung und Unterhalt, was zum Beispiel auch heißt, "bezahlbarer" Wohnraum ist hier nicht realisierbar.

Hochhäuser dienen zur Repräsentation und Zeichensetzung für eine kleine elitäre Gruppe, und sie stehen für eine "Moderne", die längst vergangen ist.

Beim ständig wiederholten "Wachstumsdruck"-Argument ("wer keinen Platz hat, muss in die Höhe bauen") ist offensichtlich der Zusammenhang zwischen Baudichte auf dem Grundstück und der Siedlungsdichte immer noch nicht verstanden oder wird, auch in Fachkreisen, bewusst ignoriert: Hochhäuser generieren zwar eine sehr hohe Geschossfläche auf dem Grundstück (gut für Investoren, zum Beispiel Herrn Büschl mit seinen 155-Meter-Türmen auf dem Areal der Paketposthalle), aber keineswegs eine höhere Siedlungsdichte im Quartier als beispielsweise eine übliche sechsgeschossige Blockbebauung - denn die Bewohnerschaft braucht auch Flächen für Wohnfolgeeinrichtungen wie Kitas, Schulen, Kultur, Gesundheit, Versorgung, Grün, Erholung, Spiel, Sport, Mobilität.

Ob Hochhäuser bei der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert oder gar beliebt sind, ist fraglich, und welche Art von "Identität" sie stiften und wem sie nützen, ebenso.

In Berlin werden bewusst keine Hochhausareale ausgewiesen, um nicht "Erwartungs-Grundstücke" aufzuzeigen, die eine Spekulation um Grund und Boden weiter anheizen; stattdessen wird im Einzelfall, für oder gegen Hochhäuser, und zwar nach einem öffentlichen Diskurs und Abwägungsprozess entschieden - meiner Meinung nach ist das deutlich besser, als der Weg, den die neue Hochhausstudie für München empfiehlt.

Die beiden bisherigen Veranstaltungen des Planungsreferats "Hoch hinaus" zeigen einen gewissen "Werbecharakter", getragen durch die Stadtbaurätin und die Vertreter der planenden Verwaltung; mein Eindruck ist, dass die neue Hochhausstudie als "Türöffner" dienen soll, um Hochhäuser in großer Zahl für München hoffähig zu machen.

Das dort dargestellte Beispiel "Kunstturm Domagk", ein Hochhausprojekt für Künstler*innen und Kreative im Domagk-Quartier, ist in baulicher und gesellschaftlicher Hinsicht ein kreatives, innovatives Vorhaben, aber als "Solitär" hat das nicht viel mit der aktuellen Hochhausdebatte zu tun; dafür braucht man keine Hochhausstudie, das sind eben die qualifizierten Einzelfall-Entscheidungen, wie in Berlin praktiziert.

Mit Alternativen zum Hochhaus beschäftigt sich in dieser Runde niemand - dabei sind in der "Perspektive München" zukunftsfähige Leitbilder im Sinne von Nachhaltigkeit, wie etwa die Siedlungsstrategie "kompakt, urban, grün" zu finden, ebenso wie im "grün-roten" Koalitionsvertrag mit vielversprechenden Zielen und Strategien für ein lebendiges, kreatives, soziales, klimafreundliches und innovatives München. Hochhäuser spielen dort, begründet, keine wesentliche Rolle.

Dierk Brandt, München

© SZ vom 23.01.2021
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