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Hobby:Carspotting: Je seltener das Auto, desto mehr Likes

Auch dieser auffällige Porsche kommt natürlich vor die Linse. Je seltener die Autos sind, desto beliebter sind die Fotos.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Münchner Jugendlichen Simon und Ferdinand haben ein seltenes Hobby: Jedes Wochenende fotografieren sie auf der Maximilianstraße Sportwagen. Ihre Bilder interessieren Tausende Menschen.

Wer schicke Autos fotografieren will, muss vor allem warten können, und deshalb haben Ferdinand und Simon heute zum ersten Mal Campinghocker mitgebracht. Am Vormittag haben sie telefoniert, Ferdinand fragte, ob Simon vielleicht zwei Klappstühle habe, "also hab' ich die eingepackt", sagt Simon. Sieht ziemlich lässig aus, wie sie da sitzen an der Kreuzung Thomas-Wimmer-Ring und Maximilianstraße.

Links Gucci, rechts das neogotische Gebäude der Regierung von Oberbayern. Das Schwierige ist, locker dazusitzen und trotzdem wachsam zu bleiben. Ja nichts verpassen. Ein Lamborghini biegt um die Ecke. Simon springt auf, läuft vor zur Ampel, die Kamera schussbereit. "Oh! Mein! Gott!"

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Ferdinand, 14 Jahre, und Simon, 15, sind Carspotter, so nennt sich dieses Hobby, und in welcher Stadt könnte man ihm besser nachgehen als im glitzernden, wohlhabenden München? Je seltener das Auto, desto besser. Ihre Leidenschaft sind Supersportwagen, jene auf Leistung getrimmten flachen Schächtelchen, die so viel kosten wie eine Eigentumswohnung oder manchmal ein ganzes Haus.

Zu Hause bearbeiten sie die Fotos am Laptop mit Lightroom und Photoshop. "Ich mache vor allem Verkehrsschilder raus oder Leute, die nerven", sagt Ferdinand. Dann laden sie die Bilder auf Instagram hoch, wo es sehr viele Menschen gibt, die sich ebenfalls für teure Autos interessieren. Ferdinands Account heiß Carphotographymunich.

Er hat knapp 10 000 Abonnenten. Simons Account heißt Cars.munich, 15 700 Abonnenten. Zusammen haben sie also mehr als 25 000 Follower, Menschen aus der ganzen Welt, die regelmäßig gucken, was die Neuntklässler aus München-Pasing hochgeladen haben. Je seltener das Auto, desto mehr Likes.

Nach diesem Wochenende wird es zum Beispiel der Lamborghini sein, der Simon gerade das "Oh! Mein! Gott!" entlockt hat. Ob man das mattschwarze Sportauto ästhetisch oder schön findet, ist die eine Sache. Die andere Sache ist die, dass das Teil sagenhafte 1250 PS hat, wie Ferdinand nun erklärt, das liegt daran, dass eine Tuningfirma namens Mansory es hochgerüstet hat. Der Mansory-getunte Lamborghini kann in unglaublichen 2,6 Sekunden von null auf hundert Kilometer pro Stunde springen.

Es ist ein herrlicher, sonniger Samstag in den Pfingstferien. Für Ferdinand und Simon sind Freibad oder Eisdiele allerdings kein ernsthaftes Konkurrenzprogramm. Samstag ist Carspotting-Tag, da sind sie diszipliniert. Wenn es nicht gerade schüttet, stehen sie hier an der Kreuzung, seit anderthalb Jahren schon, im Sommer sowieso und manchmal auch im Winter, von halb zwei bis fünf oder sechs Uhr; wenn's richtig gut läuft, auch mal länger.

Auf der Pirsch: Die Jungendlichen haben es sich auf Campinghockern bequem gemacht, um vorbeifahrende Luxusflitzer zu fotografieren.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Samstags geht's meistens am besten", sagt Simon, "da haben die Leute frei." Und fahren ihre Sportwagen spazieren, am liebsten auf der Maximilianstraße. Fahren und gesehen werden. Zwischen eins und zwei geht es gut, zwischen zwei und drei läuft nicht so viel, ab halb vier ist dann wieder mehr los. Manchmal ist es aber auch so: "Wir denken, jetzt kommt eh nichts, also holen wir uns etwas zu essen und zu trinken", sagt Simon. "Und genau in den zehn Minuten kommt dann das Beste."

Ein Stück weiter oben, da, wo auch das Hotel Vier Jahreszeiten ist, sitzen die mutmaßlichen Sportwagenbesitzer am frühen Nachmittag an einem Tisch auf dem Bürgersteig, neben sich eine angefangene Flasche Pommery Brut Rosé im Kühler. Wer in den Autos sitzt, das interessiert die Jungs weniger. "Die Fahrer sind mir meistens nicht so wichtig", sagt Ferdinand. Manche wollen nicht fotografiert werden und schimpfen, aber die meisten freuen sich, wenn ihre Autos abgelichtet werden.

Vergangenes Wochenende erst, vor der Oper, da hat ein Fahrer Simon gefragt, ob er ihm die Bilder schicken könne. Manche "Owner", wie die Carspotter die Sportwagenbesitzer nennen, fahren sogar extra Schleifen, damit die Jungs sie möglichst gut und aus unterschiedlichen Blickwinkeln vor die Linse kriegen können.