Süddeutsche Zeitung

HIV-Schnelltests:"Im ersten Moment ein Schock"

Seit Montag sind in Deutschland HIV-Schnelltests für zu Hause erhältlich. Für den Präventionsberater Jan Geiger ist das ein richtiger Schritt - mit dem Ergebnis dürften die Menschen aber nicht allein gelassen werden.

Interview von Christoph Koopmann

Einen Tropfen Blut aus dem Finger abnehmen, ein paar Minuten warten - so kann sich nun jeder zu Hause auf eine HIV-Infektion testen. Die Heimtests gibt es in deutschen Apotheken und Drogeriemärkten seit Montag frei zu kaufen. Jan Geiger, der im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum Sub an der Müllerstraße zum Thema HIV berät, findet das sinnvoll. Alle Probleme seien damit aber nicht gelöst.

SZ: Herr Geiger, sind HIV-Schnelltests für zu Hause eine gute Idee? Schließlich ist eine positive Diagnose für die Betroffenen wahrscheinlich ein Schock.

Jan Geiger: Wir begrüßen das. Denn manche trauen sich nicht, zur Beratung und zum Test zu uns zu kommen. Es geht ja schließlich um Sex und um HIV. Die Angst, stigmatisiert zu werden, ist groß. Einige Menschen lassen sich deshalb überhaupt nicht testen und kommen irgendwann mit Aids ins Krankenhaus. Das ließe sich vermeiden, wenn nach einem schnellen Test sofort mit der Behandlung begonnen würde. Die Möglichkeit, sich selbst zu testen, kann das hoffentlich ändern.

Für wen sind diese Schnelltests gedacht?

Für alle, die schnell und einfach überprüfen wollen, ob sie sich angesteckt haben. Das ist natürlich nur sinnvoll, wenn es ein entsprechendes Risiko gab, zum Beispiel ungeschützten Sex.

Und wie zuverlässig sind die Ergebnisse?

Nach einem Risiko-Kontakt dauert es zwölf Wochen, bis das Ergebnis des Schnelltests verlässlich ist. Wenn der Test negativ ausfällt, dann stimmt das auch. Ein positives Ergebnis muss man allerdings durch einen Labortest überprüfen lassen, da die Selbsttests sehr empfindlich sind.

Das Sub bietet auch HIV-Tests an. Ist Ihr Angebot jetzt überflüssig?

Das glauben wir nicht. Natürlich werden jetzt einige dazu übergehen, das zu Hause zu machen. Aber es gibt bei potenziell Betroffenen nach wie vor großen Rede- und Beratungsbedarf. Dazu kommt, dass wir nicht nur auf HIV, sondern auch auf andere Geschlechtskrankheiten testen.

Warum bleibt Beratung denn so wichtig?

Wir beraten vor und nach einem Test. Es ist was anderes, ob man über die Risiken einer HIV-Infektion nur liest und das mit sich allein ausmacht, oder ob man das im Gespräch erörtert. Wir klären dann etwa, wie man sich mit seinen sexuellen Bedürfnissen schützen kann.

Und wie sieht die Beratung aus, wenn das Ergebnis des Tests vorliegt?

Das ist ganz individuell. Aber da gibt es eigentlich immer Fragen, egal ob das Ergebnis positiv oder negativ ist.

Wenn jemand mit einem positiven Testergebnis zu Ihnen kommt, gibt es da überhaupt so etwas wie Trost?

Natürlich ist das für viele im ersten Moment ein Schock. Wir gehen zuallererst auf die Sorgen der Menschen ein - unter schwulen und bisexuellen Männern ist die Angst allerdings nicht mehr so ein großes Problem wie früher. Die meisten wissen, dass eine Infektion sie nicht umbringt, fast jeder kennt HIV-Positive. Aber es ist doch eine Krankheit, die ein Leben lang behandelt werden muss. Wenn das rechtzeitig passiert, kann man mit HIV ein normales Leben führen.

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SZ vom 02.10.2018/baso
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