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Historische Altlast:Bad Tölz bannt das Unheil durch viel Information

Reichspräsident mit Spätfolgen: Paul von Hindenburg, dessen aus Nazizeiten überkommene Ehrenbürgerschaft noch heute mancher Kommune Probleme bereitet.

"Mehr als eine Formalie. Mit Ehrenbürgern aus der NS-Zeit tut sich manche Gemeinde schwer" vom 8. April (Bayern):

Das negative und oberflächliche Urteil des Historikers Jürgen Zarusky ("Holzweg") über den Umgang der Stadt Bad Tölz mir ihrer geschichtlichen Erblast "Hindenburg" wird der intensiven, ernsthaften, ja geradezu wissenschaftlichen Suche der Kommune nach einer angemessenen Problemlösung nicht gerecht. Das Urteil wurde offensichtlich ohne Kenntnis dessen, was vor Ort konkret geschehen ist gefällt. Nach einer breiten öffentlichen Diskussion, nach monatelangen Beratungen einer aus Historikern, Journalisten, Pädagogen und Archivaren bestehenden Arbeitsgruppe und nach einem klaren Votum des Stadtrats wurde die Aberkennung der bereits im Jahr 1925 verliehenen Ehrenbürgerschaft an den Generalfeldmarschall des Ersten Weltkriegs und damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg nicht einfach mit einer Tilgung des 1926 beschlossenen Straßennamens verbunden. Man entschied sich gegen die komplette Beseitigung der Vergangenheit und gestaltete dafür einen "Informationsweg Hindenburgstraße" als historisch-politisches Mahnmal: Mit zehn sorgfältig erarbeiteten und aufwendig gestalteten Text- und Bildstelen entlang der Straße, mit gedrucktem Begleitmaterial und mit einer digitalen Präsentation (www.informationsweg-hindenburgstrasse.de).

Die Hintergründe der Ehrungen werden dabei ebenso kritisch behandelt wie die unheilvolle Rolle Hindenburgs in der deutschen Geschichte. Alles endet in der klaren Feststellung: "Es bleibt nichts übrig, wodurch Paul von Hindenburg heute noch in positiver Weise identitätsstiftend wirken könnte." Den von dem vermutlich besten derzeitigen Hindenburg-Kenner, dem Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta, eröffneten Informationsweg hat die Öffentlichkeit bislang höchst positiv aufgenommen. So gerade auch Schulen und Bildungseinrichtungen. Es ist eine Tölzer Lösung , die natürlich nicht einfach anderswohin übertragen werden kann. Aber sie verdeutlicht, dass nicht in jedem Fall die Löschung des problematischen historischen Erbes der angemessene Weg ist ("damnatio memoriae"), sondern die kritische, aufklärende und damit zukunftsweisende Auseinandersetzung. Einem Mitarbeiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte wie Jürgen Zarusky müsste das eigentlich bewusst sein. Denn diese renommierte wissenschaftliche Einrichtung macht augenblicklich mit der hervorragenden Edition von "Mein Kampf" zurecht Furore. Diese kommentierte Veröffentlichung ist nichts anderes als ein "Informationsweg" durch das unheilvolle Buch Adolf Hitlers. Prof. Dr. Hermann Rumschöttel, Neubiberg