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Hip Hop:Ein Darouiche kommt selten allein

Badchieff

Von Gröbenzell nach Berlin: Shivan Darouiche mischt als Badchieff die Hip-Hop-Szene auf.

(Foto: Thomas Habr)

Der DJ und Rapper Badchieff ist einer der spannendsten Newcomer Deutschlands. Den Lockdown hat er in einer Villa auf Bali verbracht, um an seinem neuen Album zu arbeiten - gemeinsam mit Cro

Von Stefan Sommer

Der Bus ging von da, bis ganz nach dahinten. Doppeldecker! Riesending!", lacht Shivan Darouiche und läuft zur Stelle, wo er 2018 gehalten hat. Durch das Gewusel aus Kindern und Schulranzen schlängelte sich an diesem Dienstagmorgen ein Nightliner. An Lehrern und Schülern, an Autos und Fahrrädern, an hupenden Vorstadtmüttern und Vorstadtvätern vorbei, steuerte er auf das Schulhaus mit dem Flachdach zu, das wie ein Spielzeugbauklotz auf einer Wiese liegt. Vor dem Eingang des Gröbenzeller Gymnasiums bremste er sanft. Hinter den schwarzverspiegelten Scheiben schlummerten Cro und seine Mannschaft. Im fünf Autostunden entfernten Wien hatte der Popstar am Vorabend sein Album "Tru" vorgestellt. Man war die Nacht durchgefahren, um vor Schulbeginn zurück zu sein. 7.45 Uhr öffnete sich die Tür des Tourbus, und ein sehr großer, sehr hagerer Junge stolperte heraus, spurtete gähnend an seinen Klassenkameraden vorbei ins Gebäude.

Darouiche trägt ein Malcolm-X-Shirt, Cornrows und extravagante Sneaker. "Ich bin aus der Tür und direkt in die erste Stunde. Natürlich hatte ich keine Hausaufgaben", sagt er und zeigt auf ein Klassenzimmer im zweiten Stock. Unter der Woche ging er damals in die zwölfte Klasse. An den Wochenenden reiste er als Tour-DJ des Rappers mit der Pandamaske durch Europa. Es war seine erste Tour mit Cro und der Beginn einer Freundschaft. Zurück an alter Leidensstätte erinnert sich Shivan vor seiner Schule, wie ein Anruf die Sache ins Rollen brachte: "Ich lag noch im Bett und hab' Mathe geschwänzt. Ich hatte Angst, dass es die Schule ist und wollte sagen, dass ich erkältet bin. Dann war es das Management von Cro."

Zwei Jahre später gilt Badchieff als einer der spannendsten Newcomer Deutschlands. Der mittlerweile 21-Jährige hat sich selbst als Rapper und Sänger, Produzent und DJ, Designer und Model international einen Namen gemacht. Songs wie "One Week Love" und "Komm" sind elegante Pophits. Aktuell hat ihn der BR-Szenefunk Puls für den New Music Award nominiert, der Gewinner des Preises der ARD-Jugendwellen wird in einer Galasendung an diesem Donnerstag, 20 Uhr, bekannt gegeben. Für Fotoshootings mit Haute-Couture-Marken fliegt er um die Welt. Cro hat ihn als bislang einzigen Künstler bei seinem Label Truworks unter Vertrag genommen. Um ihm bei seinem neuen Album zu helfen, hat Cro ihn sogar in sein Studio auf Bali eingeladen. Aus dem Kurzbesuch wurde eine Corona-Wohngemeinschaft: "13. März bin ich zu ihm geflogen, 14. März begann der Lockdown. Die Flughäfen haben zugemacht, und ich steckte den Sommer mit Cro auf Bali. War nice, Bro!"

Trotz allem Jetset, kommt Badchieff gerne nach Gröbenzell zurück in sein Elternhaus. Lebt er heute zwar in Berlin und sind seine fünf Geschwister über den Globus verstreut, kommen die Darouiches hier zusammen. Hier ist er aufgewachsen, hier wäre er als Teenager fast Basketballprofi geworden. Im Reihenhaus mit Garten und Basketballkorb in der Auffahrt, gehen Jugendfreunde aus und ein, es duftet nach afrikanischem Essen, und im Wohnzimmer übt und übt und übt sein Vater E-Bass. Als Berufsmusiker hat Biboul Darouiche mit Miles Davis und Herbie Hancock gearbeitet. Seinem Sohn zeigt der gebürtige Kameruner afrikanische Musik und bringt ihn dazu, sich mit Black History auseinanderzusetzen: "Mein Vater hat mir vom Leben in Kamerun erzählt. In der Schule haben wir davon so gut wie nichts gehört. Da hat uns niemand gesagt, dass Kolumbus eigentlich gar kein so toller Typ war."

Im Keller seines Elternhauses steht Shivan alias Badchieff vor einem ausgebleichten Tour-Poster, auf dem sein Vater als junger Mann hinter Bongo-Trommeln zu erkennen ist. "Meine Mum ist weiß. Mein Dad ist schwarz. Ich liebe beide gleich", sagt er plötzlich. "Ich habe früher keinen Unterschied gesehen. Für mich gab es den nicht". Er hält inne. "Beim Bäcker haben Leute Witze über mich gemacht oder gefragt, ob ich überhaupt Deutsch kann. Erst da habe ich gelernt, dass es diesen Unterschied gibt." Kopfschüttelnd trottet er durch den Flur in sein Tonstudio. Während der Pandemie hat er es sich hier unten eingerichtet, Tür an Tür mit dem Homestudio seines Vaters. "Ich hab' da noch was", grinst er und lässt einen unveröffentlichten Song ablaufen. Sein Zwillingsbruder William würde auch bald ein berühmter Rapper werden, feixt er. Bei Familie Darouiche kann man das nicht ausschließen.

© SZ vom 26.11.2020/van
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