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Himmlische Aussichten. SZ-Serie, letzte Folge:Das Paradies und kein Zurück

Als religiöses Zeichen dürften nur wenige Münchner den Friedensengel wahrnehmen, wie er da so hoch über der Isar auf seiner Säule flattert. Udo Hahn fühlt sich zu seinen Füßen trotzdem besonders wohl.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Udo Hahn, Chef der Evangelischen Akademie Tutzing, blickt auf Münchens Zukunft als Glaubensvertreter. Städte, die stets Freiheit verheißen, seien in der Kirche zu lange "als Problem" wahrgenommen worden

Von Susanne Hermanski

Die Kirche im Dorf lassen, kann man auch in der Stadt", sagt Udo Hahn. Und der Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing tut das nicht nur des schönen Wortspiels wegen oder weil er sich etwa lustig machen will über München, das ewige Millionendorf. Er betrachtet München, dessen Ursprünge recht fromm "bei den Mönchen" liegen und das vor der Säkularisation als "deutsches Rom" galt, aus der Perspektive des Theologen. Er fragt sich also: Wie viel Zukunft hat die Kirche in einer modernen Metropole überhaupt noch, und wo wird sie dort gebraucht?

Zur Ausgangsbasis für derlei Überlegungen: Traditionell fremdelt die Kirche - und nicht nur die evangelische - mit realen Städten. Man denke an Babylon, "die Hure" aus dem Alten Testament. Oder an das irdische Jerusalem mit seiner religionshistorischen Gemengelage. Spätestens seit Johannes' Offenbarung steht die Stadt auf dem Spitzenplatz in der Causa Apokalypse und soll besser dem neuen, ja dem Himmlischen Jerusalem weichen. "Stadt ist schmutzig, da wollen sich viele raushalten", sagt Udo Hahn und lächelt dabei sein feines Lächeln, "auch viele maßgebliche Akteure der Kirche".

Er selbst kann sich freilich nicht raushalten aus allem Städtischen, auch wenn die ehrwürdige Akademie, der er seit 2011 vorsteht, ihren Sitz draußen am Westufer des Starnberger Sees hat, auf dem Land. Verhandelt werden dort seit 1947 gesamtgesellschaftliche, ja auch profane Themen. Und so manches, was dort erstritten und debattiert worden ist, wurde später in die politische Praxis übersetzt. Egon Bahrs Rede "Wandel durch Annäherung" wird da oft als prominentes Beispiel genannt, weil deren Kernaussagen später Willy Brandts DDR-Politik prägten. In den nächsten Monaten stehen auf der Agenda der Akademie Themen wie "Grünes Kapital? Investment auf dem ethischen Prüfstand", "Es muss alsdann gestorben sein" oder "Jugendpolitik. Our future is now".

Udo Hahn ist ein Kind der Sechzigerjahre, eines aus dem geburtenstarken Jahrgang 1962, und auf dem Land aufgewachsen. In Mittelfranken, in Neunkirchen am Sand. "Ein riesiges Dorf mit drei Großunternehmen", erzählt er. "Trotzdem war es noch ein Dorf, denn da wussten noch alle von allen alles." Den "Weg ins Städtische" habe er mit dem Schritt ins Gymnasium eingeschlagen. Nach dem Theologiestudium arbeitete er zunächst noch als Journalist, bevor er seine Ausbildung zum Pfarrer abschloss. Bonn war gerade noch Bundeshauptstadt, als er dort 1989 für zehn Jahre das Ressort Christ und Welt/Evangelische Kirche beim Rheinischen Merkur übernahm.

Aus diesen Jahren ist Hahn die Begeisterung fürs selber Schreiben geblieben und eine Neigung, die man sonst weniger mit dem gestrengem Protestantismus verbindet: sein Hang zur Spitzenküche. Wenn Hahn die Geschichte - oder nennen wir es ruhig das Gleichnis - erzählt, wie er in Bonn in den Club der kochenden Männer, die "Bruderschaft Marmite", aufgenommen worden ist, versteht man, warum sein Hobby trotzdem gut zu Hahns Weltanschauung passt. "Um als Lehrling aufgenommen zu werden, muss man für die Brüder kochen", erzählt Hahn. Er entschied sich für ein souffliertes Omelette mit Waldbeeren, trainierte dafür abendelang. Wichtig für das Gelingen: Die Beeren müssen exakt im richtigen Moment in den aufgehenden Teig geworfen werden. Ist der noch nicht fest genug, matschen sie am Boden vor sich hin. Wirft der Koch zu spät, ruinieren sie ihm die sich zart auftürmende Eierspeise ebenfalls.

Udo Hahn hatte ein gutes Gefühl, er wusste, jeder Handgriff sitzt. Sein Mut sackte erst ein, als die Brüder ihm den Ofen zeigten, an dem er arbeiten sollte: dessen schwere, altmodische Tür aus Gusseisen hatte kein Fenster. Das richtige Aufgehen des Teigs dahinter: unsichtbar. Das Ergebnis war ein Desaster, die Brüder honorierten den Versuch und nahmen Hahn dennoch auf. "Seitdem weiß ich, Kochen ist wunderbar, um Demut zu lernen."

An seiner nächsten Station erfuhr Hahn, dass auch Städte gelegentlich aufgehen wie Soufflés. Da lebte er in Hannover mit seiner Frau, die beiden sind mittlerweile 36 Jahre verheiratet: "In Hannover haben wir gesehen, wie stark sich eine Stadt wandeln kann. Das war in der Vorbereitungszeit der Expo 2000." Nun in der Nähe von München zu leben, empfinde er als Privileg. "Die Institution Stadt war ein Fortschritt in der Menschheitsgeschichte, ein Ort der Freiheit." Auch München werde weiterwachsen. Auch die Pandemie werde daran nichts ändern, glaubt Hahn, selbst wenn die Enge in den Städten derzeit als nachteilig empfunden werde. Der Rückzug ins Private werde zum Trend in den nächsten Jahren. Das sieht Hahn mit Sorge, der Mensch brauche doch die anderen. "Er muss den Diskurs suchen, um voran zu kommen."

Hahn glaubt, eine neue "Zurück-zur-Natur"-Bewegung wird vehement an Fahrt aufnehmen, die davon träumt, weiter draußen mehr Platz und mehr Individualität zu finden. "Trotzdem wird ,das Land' nicht mehr das Land sein, das wir aus unserer Kindheit kennen", da ist Hahn sich sicher. Dorfidylle sei angesichts der wuchernden Metropolregionen kaum mehr zu finden. "Einmal aus dem Paradies vertrieben, führt kein Weg mehr dorthin zurück", sagt er und lächelt.

In diesen Tagen läuft eine Tagung in der Evangelischen Akademie, zum 75. Todestag des lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Ihr Titel: "Als ob kein Gott sei". Bonhoeffer, der als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime im KZ Flossenbürg ermordet worden ist, und der in seinen Gefängnisbriefen Gedanken formuliert hat, die die spätere Ausrichtung der Evangelischen Kirche wesentlich mitprägten, hat Hahn ebenfalls beeinflusst. Auch durch seine Gedanken zur Stadt. "Man geht in einer Stadt wie München am Sonntag vielleicht eher ins Museum als in die Kirche, wenn man intellektuelle Anregung sucht", sagt Hahn. "Die Menschen finden in der Kunst oft leichter spirituelle Zugänge." Wo kämen Kirche und Glaube in der Stadt überhaupt noch vor? Diese Überlegungen setzten schon bei Bonhöffer an, der überzeugt war, dass wir uns auf ein religionsloses Zeitalter zubewegen. Der Religionswissenschaftler Harvey Cox hat sie dann in den Sechzigerjahren weitergeführt in dem Buch "Stadt ohne Gott?"

"Für mich ist das Buch wie ein Ausrufezeichen", bekennt Hahn. "Wie soll das weitergehen? Wie kann ich die Botschaft der Bibel übersetzen mit zunehmendem Abstand der Menschen zum Text?" Nur indem die Kirche sich ändere, betont der Direktor der Evangelischen Akademie. "In der Predigt beziehungsweise in der öffentlichen Rede der Kirche darf nicht länger versucht werden, eine oder die Wahrheit des Glaubens zu erklären", sagt er. Es gehe in der Zukunft viel mehr darum, Themen anzusprechen, die mit Fragen des Glaubens verbunden sind. So müssten die Schulen neu ausgerichtet werden. "Wir leben mit einer Bildung, die verzweckt ist. Aber Menschen brauchen, mehr als alles andere, Herzensbildung", sagt Hahn. "Auch die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft werden nicht ausreichend diskutiert. Aber meine Sorge ist, dass das alles in der Mitte der Kirche noch nicht angekommen ist." Ob die Kirche das nachgeholt haben wird, in fünf Jahren? Auf diese Frage lächelt Udo Hahn nur noch einmal sein feines Lächeln.

© SZ vom 24.10.2020
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