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Himmlische Aussichten. SZ-Serie, Folge 6:Wachablösung auf der Korinthersäule

Skepsis auf der Blumenwiese: Christine Eixenberger ist sich nicht sicher, wohin das alles führen soll.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Kabarettistin Christine Eixenberger kann sich allerlei vorstellen für die künftigen Denkmäler der Landeshauptstadt - einen Bronze-Söder auf schnaubendem Haflinger etwa. Als Naturfreundin hat sie leider auch weniger unterhaltsame Visionen

Von Karl Forster

Karl Kraus sagte, "der Witz umarmt die Wirklichkeit". Wenn das so ist, wogegen wenig spricht, dann umarmt der Witz von Christine Eixenberger, was denn den Leberkäs mit der CSU verbinde, dass nämlich im Leberkäs keine Leber drin sei, aufs innigste, vor allem, wenn sie dann noch nachsetzt: "Und a Kas a ned!" Da lacht das Publikum, wie es sich gehört, und auch der CSUler applaudiert der Kabarettistin dort oben auf der Bühne, schon weil er sich nicht als solcher bloßstellen will, so ohne Leber und ohne Käse. Und die Künstlerin auf der Bühne weiß, dass sie die Leute im Sack hat. Nicht, weil der Witz so ganz und gar neu wäre, sondern weil sie den richtigen Ton gefunden hat für die Leut', was oft schwieriger ist, als einen neuen Witz zu erfinden.

Noch schwieriger ist es für die junge Kabarettistin und Schauspielerin aus Schliersee, unlängst 30 geworden, sich ernsthaft Gedanken zu machen über die Zukunft, über ihre eigene, über die der Gesellschaft, in der sie lebt, und über die der Stadt München, in der sie "Gott sei Dank" nicht lebt. Obwohl sie es erst unlängst versucht hat. Es scheiterte, woran sonst, an der Miete. Nun ist es aber so, dass, wenn man rund um den Schliersee von "da Stod", also "der Stadt" spricht, zunächst Miesbach meint und dann erst München. Kein Wunder also, dass Christine Eixenberger nach dem misslungenen Münchenexperiment halt in diese "Stod" gezogen ist. Sie ist aber München nicht böse. Sie sagt, wie fast alle auf dem Land rund um die Großstadt, "Minga" dazu, fährt aber nicht großkotzig "nach Minga owe" nicht ehrfurchtsvoll "nach Minga aufi", sondern ganz bescheiden und banal"in d' Stod eini". Wenn's denn sein muss, am liebsten natürlich zu Auftritten.

Über die Zukunft dieser Stadt macht sie sich eher kabarettistische Sorgen, denn realiter wird sich, so meint sie, in naher Zukunft, also den nächsten paar Jahren, nicht allzu viel ändern. Die Mieten werden steigen, klar; der Verkehr immer weniger fließen, und die dort wohnenden Einheimischen werden noch mehr von irgendwoher "zuagroast" sein, was dazu führen könnte, dass der Dialekt, also das Bairische, jetzt schon nur noch rudimentär hörbar in der Stadt, künftig ein noch ausgeprägteres Diasporadasein führen werde. Und das tut ihr, die sie als Zulassungsarbeit für ihr Lehramtsstudium an der LMU das Thema "Dialekt im Unterricht" gewählt hat und im neuen Beruf auf der Bühne eben diesen Dialekt aufs herrlichste zu pflegen weiß, besonders weh.

Weit weniger Schmerz scheint Eixenberger zu empfinden, denkt sie an Münchens globales Werbebanner, das Oktoberfest. Es könne gut sein, dass es auch in fünf Jahren keine "Wiesn" mehr gebe, weil die Angst zu groß ist, dass München dann nicht mehr als der Welt größte Rauschkugel, sondern als weltgrößter Superspreader berühmt geworden sein könnte. Es reiche ja, meint Christine Eixenberger, dass sich jetzt schon wieder "die Leute am Flaucher zusammenbatzen wia a Backerl Buntstifte". So drohe die Gefahr einer immerwährenden Pandemie, was in letzter Konsequenz zu permanenter Isolierung führe und diese wieder dazu, "dass sich Berührungen auf jene zwischen Kunstleder-Couch und Körper reduzieren. Das ist zwar sexy und bequem. Aber halt auch ein bisserl traurig." Quasi ein autoerotisches Corona-Abenteuer. Keine schönen Aussichten.

Barfuß ins Blaue: Der Friedensengel überblickt die Stadt seit 1896. Dass er dabei keine Schuhe trägt, dürfte bislang wenigen aufgefallen sein. Und was vor ihm liegt, weiß der Himmel.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wir erwischen Christine Eixenberger bei den Dreharbeiten zu der ZDF-Reihe "Marie fängt Feuer", wo sie die Titelfigur spielt, eine Feuerwehrfrau, die Brände aller Art löscht. Dreharbeiten unter Quarantänebedingungen, da macht auch das schönste bayerische Oberland nicht alles wett. "Ich habe schon neun Tests hinter mir, bald kommt der zehnte - ein etwas absurdes Jubiläum!", sagt Christine Eixenberger lachend beim Zoom-Gespräch. Vielleicht liegt es auch an dieser Situation, dass sie bei der Einschätzung dessen, was kommen wird oder kommen könnte, nicht nur fröhlich nach vorne schaut. "Die Zukunft stimmt mich nicht extrem pessimistisch. Alles wird irgendwie weitergehen. Und alles wird gut. Die Frage ist nur: Was ist das neue 'gut'?"

Es ist möglicherweise das aktuell gefühlte "gut", das das Verhältnis der Schlierseerin zur großen Stadt trübt. Ist es doch so, dass mancher Münchner, den es wochenends an den See drängt, in seinem Auto mit der dort so wenig beliebten M-Nummer einen Zettel anbringt: "Das ist mein Dienstwagen, ich wohne hier!!!" In der Hoffnung, die ob des Massenandrangs aufgebrachten Seeanrainer etwas zu beschwichtigen. Künftig könnte, so Eixenberger, der Drang der Münchner aufs Land noch gewaltiger und nachhaltiger werden, wenn dort bald schon "jeder Mülleimer für 15 Euro den Quadratmeter bei Immoscout eingestellt wird". Dann wird's eng am Schliersee, auch wenn die "Stodara" künftig mit dem Flugtaxi kommen.

Zukunftsfragen an Christine Eixenberger

Sie stehen am Friedensengel in fünf Jahren und überblicken die Stadt. Was sehen Sie?

Im besten Fall? Nix. Nichts mehr von dem, wie es früher war. Alles ist grün. Die Natur hat sich die Stadt zurückerobert. Das Land ist in die Stadt gezogen. Landflucht - im wahrsten Sinne des Wortes. Und ob in fünf Jahren der Friedensengel da noch genau so steht? Oder ob statt ihm dort auf der Korinthersäule nicht etwas anderem ein Denkmal gesetzt wurde als dem Frieden und der Freiheit? Eine vergoldete Bronzestatue also von Markus Söder, oben ohne auf einem Haflinger, der seine rechte Hand mit dem Smartphone für ein Selfie gen Himmel reckt. Am Fuße der Säule ein Schild mit der Aufschrift: "Das Virus kann uns nix, wir haben ja das Kruzifix."

Wie klingt für Sie die Zukunft?

Die Zukunft ist leise. Fast nicht wahrnehmbar. Stille. Bis auf Vogelgezwitscher ab und zu. Und das Schnalzen einer Goaßl, wenn wieder ein bairisches Baby das Licht der Welt erblickt.

Wem sollte in dieser Stadt in fünf Jahren ein Denkmal gesetzt sein und warum?

Wie gesagt - ich befürchte: Söder.

In fünf Jahren kommt ein Hollywood-Film namens "Munich" in die Kinos, worum wird es in diesem Film gehen?

Das wird ein Nostalgie-Projekt, angelehnt an die Zeit vor Corona. Eine Bollywood-Produktion; das B steht aber nicht für Bombay, sondern für Bayern. Wir stellen uns also vor: Die "Wiesn" als Kulisse in den Bavaria-Filmstudios! Es wird viel getanzt - auf Abstand - wie man das von üblichen Bollywood-Blockbustern halt so kennt. Mittendrin aber ein Madl und ein Bua, die direkt nebeneinander gemeinsam eine Brezn essen. Und am Ende wird geschmust, bis der Virologe kommt. Eine Liebesgeschichte also, die sich die Menschen ansehen und sich zurückerinnern an eine Zeit, als man sich noch einfach so angefasst hat.

Darum jetzt eine ganz andere, sehr realitätsbezogene Frage: Wird denn die Zukunft auf den Bühnen weiblicher? Sicher, Christine Eixenberger ist nicht allein als Frau auf der Kabarettbühne. Da gibt es die hintersinnige Martina Schwarzmann, da ist die erfahrene Luise Kinseher, die als Mama Bavaria all ihre Gäste so lange niederschmust, bis sie klein beigeben. Und da sind ein paar weibliche Nachwuchstalente wie Claudia Pichler aus dem Polt-Universum. Aber sonst? Überall Männer, bairische Kabarettmänner, hochdeutsche Kabarettmänner, französisierende Kabarettmänner. Ein Blick auf den Veranstaltungskalender zeigt: Auch im Münchner Kabarettmonopol von Lustspielhaus, Vereinsheim und Lach & Schießgesellschaft dominierten Männer (vor Corona) das Programm, von Django Asül bis Sigi Zimmerschied.

Für die Kabarettistin, die sich gerne auch übers eigene Geschlecht lustig macht, etwa über dessen wachsenden Drang, mit Skalpell, Schere und Tupfer die Kraft der Falten brechen zu lassen, ist das auch eine Frage der Selbstwahrnehmung. Und meint das gar nicht humorig, eher als Mahnung für die Zukunft. "Vielleicht wollen einfach weniger Frauen auf die Bühne, weil das bedeutet, sich 'nackad', sich angreifbar zu machen und sich mit - auch vom Publikum - althergebrachten Rollenmustern konfrontiert zu sehen." Für sie selbst sei das nach der endgültigen Entscheidung gegen den Lehrerberuf und für die Bühne auch "sehr gewöhnungsbedürftig" gewesen. "Aber wenn man(n) oder frau sich nix traut, dann wird man's auch nie wissen."

Wobei ihr der alte Beruf durchaus nützt im neuen. Zumindest als Vorlage für manche Bosheit. So ist ihre Feststellung, dass sich Grundschullehrer auf dem Weg in der gesellschaftlichen Hierarchie nach oben auch künftig schwer tun werden, nicht nur ein kräftig beklatschter Allgemeinplatz, sondern auch eine bittere Prognose für die pädagogische Zukunft. Christine Eixenberger beklagt da auf der Bühne, es gebe deswegen im Kollegium halt fast nur Frauen und dementsprechende Gesprächsthemen. "Wir bräuchten mehr Männer!", fordert sie, um nach einer Kunstpause nachzusetzen: "und weniger Eltern!" Da lachen sich die Eltern im Parkett scheckig und erfüllen brav die Voraussetzung für einen gelungenen Witz, die ein kluger Mann namens Johann Wolfgang von Goethe so formuliert hat: "Der Witz setzt immer ein Publikum voraus ... Für sich allein ist man nicht witzig." Das galt zu dessen Zeiten, gilt heute und wird auch in Zukunft so sein.

© SZ vom 26.08.2020

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