bedeckt München 16°

Himmlische Aussichten. SZ-Serie, Folge 1:Mehr Urwald wagen

Der Münchner Friedensengel, der für einen Weitblick steht, den man sich gerade in diesen Zeiten wünscht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Von der Stadt als sich selbst organisierender Planet träumt der Architekt Peter Haimerl. Münchens Entwicklung kranke dagegen an selbstgefälliger Stagnation. Er findet: Es ist längst Zeit für eine europäische Vernetzung

Von Sabine Reithmaier

Visionen für München - wer will die denn hören? Peter Haimerl lacht kurz auf. Das wäre ja eine ganz neue Erfahrung. Seit Jahren ist der Architekt, für seinen Dickschädel ebenso berühmt wie berüchtigt, mit seinen städteplanerischen Visionen allüberall unterwegs, sucht auch regelmäßig das Münchner Bauamt mit Vorschlägen heim. Und blitzt genauso regelmäßig ab. "Angeblich alles nicht durchsetzbar." Wozu also Visionen - "hier will doch keiner wirklich was ändern."

Nicht dass München immer so saturiert gewesen wäre. Im 18. und 19. Jahrhundert war das noch anders, im 20. eigentlich auch, aber 1972 endete laut Haimerl die Münchner Stadtplanung. Abgesehen von einigen zusätzlichen Radwegen sei seither nicht viel passiert, sagt er. Wirklich nachdenken, wie sich die Stadt verändern müsse, damit sie lebenswert und Wohnen in ihr finanzierbar bleibt, wolle eigentlich keiner. "Angesichts der ungeheuren Veränderungen in der Berufs- oder der medialen Welt ist es ein Wahnsinn, wie wenig sich im Denken der Stadt verändert hat."

An ihm liegt es auf jeden Fall nicht. Der Architekt, nicht nur für sein spektakuläres Konzerthaus in Blaibach mit Preisen ausgezeichnet, wirbt seit 30 Jahren für eine intelligente Stadtplanung und ganzheitliche Betrachtung. Redet auf jedem Podium darüber, dass eine Stadt komplett anders gedacht werden müsse, "eher wie ein sich selbst organisierender Planet". Der Urwald sei ein gutes Vorbild, sagt er und grinst. Den mache seine Vielfalt so stabil. Haimerl, 1961 in Viechtach geboren, denkt gern groß. Er verabscheut die selbstgefällige Stagnation, in der das reiche München steckt - "inzwischen echt provinziell" - und leidet unter der Angst des Bauamts vor den Bürgern. "Wenn die übergeordnete Vision fehlt, kann man ihnen eben keinen Gesamtzusammenhang erklären."

Haimerl hat seine grundlegenden Visionen bereits am Anfang seiner freiberuflichen Karriere entwickelt, als er 1988 mit zwei Kollegen das Penthouse auf dem Wetsch-Hochhaus an der Donnersberger Brücke mietete, genau da, wo heute der Büroturm des Mercedes Centers steht. "Wir haben uns hingesetzt und zwei Jahre nur nachgedacht." Darüber, wie man eine Stadt planen könnte ohne Rücksicht auf die Zwänge oder architektonische Lehrmeinungen. "Wir haben versucht, auf allen Ebenen neu zu denken." In den zwei Jahren entstand "Opencity", von Haimerl später in "Zoomtown" umbenannt und als offene Forschungsplattform konzipiert.

Das Projekt ist heute noch so visionär wie vor 30 Jahren. Freilich sind einige der damaligen Erkenntnisse bereits Wirklichkeit geworden. Das Konzept basiert auf einer besseren Vernetzung Europas, 1990 als wichtig für den Fall angesehen, "dass die USA als Leitkultur zusammenbrechen und uns undemokratische Länder wie China oder Russland überrollen." Genau das passiere gerade, sagt Haimerl und wundert sich über die allgemeine Ratlosigkeit. "Das war doch klar." Er versteht den Begriff Vernetzung wörtlich und verbindet die europäischen Großstädte mit Hochgeschwindigkeitszügen zu einer einzigen großen Stadt. "Man steigt in München Sendling ein und im Quartier Latin in Paris aus." Rom, München, Paris, London - alle in zwei Stunden erreichbar durch die "Zoomliner". Als er das Projekt 1990 entwickelte, sah es noch so aus, als würde in Deutschland bald der Transrapid fahren. "Aber das wurde leider versemmelt." Auch so eine Vision, die keiner wollte.

Innerhalb der Stadt ist das Netz engmaschig geknüpft, die Zoomliner-Stationen höchstens drei Kilometer voneinander entfernt. Autos, Straßenbahnen, U-Bahnen braucht es nicht mehr, die Menschen werden mit "Floatern" unterwegs sein, leichten, elektrobetriebenen Fahrzeugen, die maximal 30 Stundenkilometer schnell fahren. Das Simulationsmodell einer sinnvollen Stadtentwicklung hat Haimerls Büro inzwischen am Beispiel Ostbahnhof mit allen Details in einem Video durchgespielt - einschließlich der unterirdischen Gütertransporte, die alten U-Bahnschächte werden ja nicht mehr benötigt. Waren werden im Magnetschwebebahnverfahren transportiert - vollautomatisch. Da die Autos weg sind, die großen Straßen nicht mehr gebraucht werden, bleibt viel Platz für Menschen und Bäume. "Und es wird wunderbar ruhig werden."

Ernstgenommen hat den jungen Architekten seinerzeit niemand. "Städtebau war out, Visionen das allerletzte", erinnert sich Haimerl und überlegt, wie oft er sich inzwischen Helmut Schmidts Spruch "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen" anhören musste. 1992 hörte er zum ersten Mal auf, sein Projekt vorzustellen, er hatte es satt, in Sitzungen regelmäßig verhöhnt zu werden. Um 2000 startete er einen neuerlichen Anlauf, große Gedankenmodelle blieben aber weiter verpönt. "Das Ignorieren war grandios." Kooperationen mit der ETH Zürich und der Uni Braunschweig scheiterten. Irgendwann reichte es Haimerl, Geld und Zeit in das Projekt zu stecken, er stellte alles ein. Aber in jüngster Zeit tauchen die Themen wieder auf, vielleicht auch weil das globale Denken hinterfragt wird. "Wir müssen uns überlegen, wo kommen wir her, was können wir beeinflussen, wie können wir unsere Demokratie stabilisieren", sagt Haimerl. Das funktioniere nur in einem einigen Europa, Deutschland allein sei zu klein. "Du kannst die tollsten Ideen haben, aber wenn du wirtschaftlich nicht stark bist, hast du keine Chance." Aber bisher gebe es nicht ein einziges Bahnsystem, das über zwei Grenzen funktioniere. Unfassbar, findet der Planer.

Und München? Hier sei alles wie gehabt, die Stadt wachse unkontrolliert weiter, entwickle sich zum gnadenlosen Moloch. "Die Unterhaltskosten steigen ständig." Aber wenn die Wirtschaft plötzlich nicht mehr wächst, "wer bezahlt und unterhält die riesigen Infrastrukturen?" Ohne grundsätzliche Eingriffe werde die Zukunft der Stadt nicht funktionieren, ist Haimerl überzeugt. Man werde politische, strukturelle, wissenschaftliche und kulturelle Modelle benötigen, um mit den gigantischen Veränderungen zurechtkommen. Falls die Stadt übrigens zu viel Angst vor radikalen Schritten hat, solle sie lieber auf historisch bewährte Bauweisen zurückgreifen: Platz, Straße, Park, Fassaden. Wobei er gerade bei letzteren nicht gut auf seine Kollegen zu sprechen ist: "Was ist toll daran, wenn wir lauter glatte Schachtelfassaden haben, eine Stadt lebt davon, dass jede einen gewissen Kitschanteil hat."

Ansonsten sind seine Ideen auch 2020 nicht gefragt. In Visionen zu denken, sei nicht möglich, weil eine Vision per se eine Bedrohung sei, spottet Haimerl. "Früher war es der Transrapid, heute ist es Amazon. Absurd." Der Konzern hat ein Modell gebaut, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Haimerls Zoomtown hat, basierend auf einer fluiden Vernetzung von allem, ob Kühlschrank oder Verkehrssystem. "Wenn Großkonzerne die Möglichkeit haben, das den Städten anzudrehen, werden sie es tun", sagt Haimerl, auch wenn kluge Menschen unentwegt über die Gefahr durch Visionen von Großkonzernen nachdächten. "Es ist längst nicht mehr die Frage, ob alles noch stärker vernetzt wird, das kommt."

Da Haimerl davon ausgeht, dass sich in München auch die nächsten 30 Jahre nichts ändert, hat er, was seine städteplanerische Projektarbeit betrifft, der Stadt weitgehend den Rücken gekehrt. Auf dem Land habe er positivere Erfahrungen gemacht. "Da sprichst du mit dem Bürgermeister, sagst, wir machen das abgefahrenste Konzerthaus, das denkbar ist. Der zieht das durch, trotz eines Bürgeraufstands." So entstand Blaibach. In Lichtenberg (Landkreis Hof) baut er gerade einen unterirdischen Konzertsaal, im oberfränkischen Lichtenfels hat er eine futuristisch anmutende gläserne Ausstellungsplattform konstruiert. Und in Brand (Oberpfalz) entwickelt er mit Zukunftsprojekten den ganzen Ort. "Für mich das Anti-Beispiel zu München: eine Gemeinde, die Visionen wirklich mag."

© SZ vom 14.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite