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Hilfsprojekt:Mit der Gulaschkanone ins Flüchtlingscamp

Kabarettist mit Gulaschkanone: Christian Springer baut in Anfeh eine Feldküche auf. Zehn Syrer finden dort Arbeit.

(Foto: privat)
  • Mit seinem Verein Orienthilfe e.V. unterstützt der Kabarettist Christian Springer seit Jahren Menschen in Syrien, Jordanien und im Libanon.
  • Nun bringt er zusammen mit dem Musiker Konstantin Wecker eine Feldküche in den Libanon. 2000 Menschen sollen damit pro Tag mit kostenlosem warmen Essen versorgt werden.

Am Mittwoch machen sich Christian Springer, Konstantin Wecker, dessen Ehefrau Annik und Sohn Tamino mit ihrer Gulaschkanone auf den Weg: von Beirut aus 70 Kilometer nach Norden, zum 6000-Einwohner-Ort Anfeh. Wie viele Flüchtlinge aus Syrien hier hausen, weiß niemand so genau. Seit Jahren leben sie quasi am Strand von der Hand in den Mund, auch im Winter. Wenn sie Nahrung auftreiben können, kochen sie unter üblen hygienischen Bedingungen in Zelten, was ständig zu Bränden führt. Da kommt die Feldküche aus Deutschland, gespendet von Johannitern, Privatleuten und der Bundeswehr, gerade recht.

Die Tour steht unter dem Motto "Fahrt zu den vergessenen Flüchtlingen". Christian Springer sagt: "Es wird berichtet über die Befreiung von Mossul, den Sieg gegen den IS, über Terror und Flüchtlingskrise bei uns. Aber über die Menschen, die seit sechs Jahren in der Kacke hocken und aus internationalen Händen nur mindere Hilfe bekommen, wird nicht berichtet. Die sind halt so da, haben keine Rückkehroption, wollen und können nicht nach Europa, fristen ein katastrophales Leben. Das sind nicht ein paar Zehntausend Leute, sondern 13 Millionen Syrer, die auf der Flucht sind. Die haben mehr Aufmerksamkeit verdient."

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Christian Springer und Syrien: Angefangen hat das alles mit Alois Brunner, der rechten Hand Adolf Eichmanns. "Der Mann fürs Grobe", schrieb Springer in der taz, "verantwortlich für mindestens 130 000 Morde an Juden. Nach Kriegsende war das nicht mehr karriereförderlich. Bis General Gehlen kam, den BND erfand und all seinen Freunden half, wenn sie Nazi-Dreck am Stecken hatten. Und das hieß oft: weg aus Deutschland."

Brunner tauchte in Syrien unter, protegiert von Assad senior, dem Vater des aktuellen Kriegsfürsten. Vor 20 Jahren begann Springer nach Brunner zu suchen: in Damaskus. Gut 30 Mal war er während des Studiums (Semitistik, Philologie des christlichen Orients, Bayerische Literaturgeschichte) dort, schrieb das Erlebte im Buch "Nazi, komm raus!" auf und gründete 2011 den Verein "Orienthelfer e. V.", der sich für Bürgerkriegsopfer einsetzt. Zig Hilfslieferungen nach Syrien, Jordanien und in den Libanon hat er organisiert.

Und nun die Feldküche. Ende März bemalten 30 Freisinger Schüler aus elf Nationen (darunter eine Syrerin) eine Feldküche im Erstaufnahmelager in der Bayernkaserne. Die Nato-Tarnfarbe musste weg, da sonst keine Ausfuhr und keine Einfuhr in den Libanon erlaubt ist. Zehn Syrer finden so vor Ort Arbeit: Sie kaufen ein, sie kochen, sie putzen. Wichtig: die Erstellung eines Speiseplans, Stichwort Mangelernährung. In zwei Schichten können 2000 Menschen pro Tag mit kostenlosem warmen Essen versorgt werden, für 40 Cent pro Mahlzeit. "Unser Verein Orienthelfer schlägt alle internationalen Organisationen, was die Essenskosten anlangt", sagt Springer. "Die Kosten betragen etwa 11 000 Euro im Monat."

Das Spendenvolumen des Vereins liegt bei vier Millionen Euro. "Mich hat es umgehauen, als mir der Kassenprüfer die Summe nannte", erzählt Springer, "ich hatte immer nur den Durchlauf vor mir. Alles ist durch meine Spendenhand geflossen, von meinem Schreibtisch aus." Bis er merkte: Das geht nicht mehr. Seit ein paar Monaten gibt es nun ein echtes Büro mit sieben Festangestellten und einer Büroleiterin, die Springer "aus dem Bundestag rausgeklaut" hat: "Ich habe quasi eine Firma gegründet - für einen Solo-Kabarettisten der Wahnsinn! Ich staune über den Springer, nicht aus Bewunderung, sondern wie das alles funktioniert hat." Ganz schön abgehoben, so etwas über sich selbst zu sagen. Aber er hat natürlich auch Recht.

"Trotz alledem: Ich mach' das gerne!"

Staunen muss man in der Tat: Wie der Mann Bühne, Fernsehen, Radio, Familie und das Engagement für Syrien auf die Reihe bekommt. Zum Beispiel die Rückkehr am Freitag: Um zwei Uhr nachts steigt er in Beirut ins Flugzeug, hat bis dahin nicht geschlafen, weil abends noch ein Termin ansteht. Umsteigen in Istanbul, übernächtigt ankommen: "Ich bin auch schon über 50 und vertrage das nicht mehr so gut." Dann auspacken, Besprechung bei Orienthelfer und ab zum Sender: 18 Uhr, Live-Auftritt in der BR-Abendschau. Dann im Sauseschritt nach Miesbach, um 20 Uhr Auftritt mit dem Kabarettprogramm "Trotzdem" im Waitzinger Keller. "Danach fahre ich ziemlich müde heim und mach' mir einen Rotwein auf."

Wie das auf Dauer funktionieren kann? "Weil ich da unten Erfolge sehe. Weil ich mit einer Wut heimkomme. Und weil es mir Freude macht. Es ist blöd, das zu sagen, weil man ins Elend fährt, aber trotz alledem: Ich mach' das gerne!" Wie es ihm gelingt, von Libanon auf Miesbach umzuschalten, kann er nicht erklären: "Wenn ich's wüsste, würd' ich so ein Manager-Handbuch schreiben und Millionär werden. Es geht einfach. Ich hab' aus dem Elternhaus eine Grundkondition an Arbeitsbelastungsmöglichkeiten mitbekommen: 100 Mal draufschlagen, immer wieder aufstehen. Aber es naht kein Burnout, keine Erschöpfung. Ich bin müde, aber nicht ausgelaugt, sprühe vielmehr vor Ideen."

Mittlerweile war er so oft im Libanon, dass er eine libanesische Residency Card bekommt. In Beirut hat er eine Wohnung, um Hotelkosten zu sparen. "Da steht ein Klavier drin, und da wird der Konsti wohl mal für mich spielen müssen."

Auch Kollegin Monika Gruber hat ihn mal in den Libanon begleitet, mit Entwicklungshilfeminister Gerd Müller war Springer zwei Mal dort, und dann gab es dieses Projekt zur Handwerker-Ausbildung, unterstützt von Bayerns Staatsregierung: "Da waren nicht alle dafür, dass man diesem Springer 460 000 Euro rüberschiebt, der Joachim Herrmann im Fernsehen vor zwei Millionen Zuschauern anpinkelt." Vor vier Wochen standen er und jener Innenminister Seite an Seite im Libanon, in Sichtweite der syrischen Grenze, und eröffneten ein gemeinsames Projekt. Springer erinnert sich: "Extrem skurril, aber vor Ort richtig gut! Für die Sache halt. Ein schräges Leben ist das..."

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