Hilfsprojekt auf Bali:Keine Arbeit, kein Geld und nichts mehr zu essen

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Dian und Ernst Flügel blieben freiwillig auf Bali: "Das Auswärtige Amt hatte uns angeboten, dass wir zurückgeholt werden, aber wir wollten nicht." (Foto: Privat)

Dian und Ernst Flügel leben auf Bali. Weil die Menschen dort vom Tourismus abhängig sind und die Einnahmen ausbleiben, hat das Ehepaar ein Hilfsprojekt gestartet

Von Gerhard Fischer

Dian und Ernst Flügel leben seit Juli 2019 mit ihren beiden Kindern auf Bali. Eigentlich sind sie in Seeshaupt zu Hause. Aber es war ein großer Wunsch von ihnen, dass sie einmal ein Jahr dort verbringen, wo die Vorfahren der Mutter herkommen. Dian Flügel, 44, ist in Deutschland geboren, aber ihre Eltern stammen aus Indonesien. Die Insel Bali gehört zu Indonesien.

Einmal im Monat schrieb Dian Flügel seither einen Brief nach Hause, an die Freunde und an die Familie. Sie berichtete über den Verkehr, den Sprachunterricht und die Yogastunden, den Monsun, das Meer und über ein kleines Erdbeben. Dian Flügel verfasste auch lyrische Texte.

Dann kam Corona.

Und jetzt heißt es in Dian Flügels Briefen, dass "Corona Bali mit voller Wucht" treffe. Dabei gehe es nicht darum, dass es viele Infizierte gebe - die Zahl bewege sich noch im niedrigen dreistelligen Bereich. Nein, die Leute hätten keine Arbeit, kein Geld und nichts mehr zu essen, weil die Touristen abgereist seien. Dian und Ernst Flügel, 52, haben deshalb vor drei Wochen eine Spendenaktion ins Leben gerufen, sie heißt "chanceforchange_bali" und bittet bei Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern um Geld für notleidende Indonesier. 57 Menschen haben bis jetzt fast 30 000 Euro an Spenden zusagt, geflossen sind schon mehr als 23 000 Euro.

"Wir waren heute unterwegs und haben Spenden verteilt", sagt Dian Flügel am Telefon. Es ist 18 Uhr auf Bali, sechs Stunden später als in Deutschland. "Das war sehr emotional - wir haben den Menschen das Geld, das wir in Umschläge gesteckt haben, persönlich gegeben."

Dian und Ernst Flügel unterstützen derzeit 22 Familien (mittelfristig sollen es 40 werden) und ein Frauenzentrum. "In dem Zentrum leben traumatisierte Frauen mit ihren Kindern", sagt Dian Flügel. Das Frauenzentrum habe eine Näherei und einen Catering-Service, Touristen zählen normalerweise zu den Kunden. Aber die Touristen sind nicht mehr da. "Die Einnahmen der Frauen tendieren gegen Null."

Auf Bali leben 4,2 Millionen Menschen. Der Tourismus mache 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Insel aus, sagt Ernst Flügel. Fast alle Urlauber seien abgereist, ausgeflogen in ihre Heimatländer. "Es ist alles leer", sagt er. "Die Tourismus-Hochburgen Kuta und Seminyak sind wie Geisterstädte." Neue Urlauber werden nicht kommen. Zwar gebe es keinen Lockdown auf Bali, aber die Flughäfen seien gesperrt, und über die Häfen kämen nur lebensnotwendige Güter. Die Tourismusmitarbeiter sind arbeitslos. "Und sie bekommen auch kein Arbeitslosengeld", sagt Ernst Flügel. Es gebe bloß eine Art Gemeindeverwaltung, die helfe. "Aber die kümmert sich nur um Balinesen und nicht um Menschen, die von Nachbarinseln nach Bali kamen, um hier zu arbeiten." Diese konnten nach dem Corona-Ausbruch nicht mehr zurück auf ihre Inseln und seien auf Bali sich selbst überlassen.

Familie Flügel blieb freiwillig. "Das Auswärtige Amt hatte uns angeboten, dass wir zurückgeholt werden, aber wir wollten nicht", sagt Ernst Flügel. Die Kinder gehen auf die Internationale Montessori-Schule, und die Eltern sahen das Elend und wollten helfen. "Wir hatten ein paradiesisches erstes Halbjahr, jetzt können wir den Balinesen etwas zurückgeben", sagt Dian Flügel. "Es geht um Menschlichkeit und darum, ein Zeichen zu setzen. Wenn nicht wir, wer dann?" Dabei sei nicht das reine Geldspenden wichtig, sondern die Verbindung zu den Menschen, sagt sie. "Deshalb lernen wir hier jede bedürftige Familie auch persönlich kennen, fragen, wie wir nachhaltig helfen können, und versuchen sie mit ihren Unterstützern zu vernetzen."

Dian Flügel berichtet von Vicky, den sie als "liebenswerten, drahtigen, immer fröhlichen und fleißigen Kellner in unserer Hausstrandkneipe" kennengelernt hätten. Die Kneipe habe wegen Großbauprojekten schließen müssen. "Daraufhin baute Vicky seine eigene kleine Bambus-Strandbar direkt neben der Baustelle auf", berichtet Dian Flügel. Dann kam Corona, und Vicky musste seine Blue Bar abbauen. "Letztes Wochenende bekamen wir eine verzweifelte Whatsapp mit der Bitte, ihm Geld zu leihen, für die noch ausstehende Miete." Es sei um 40 Euro gegangen. "Als wir ihn neulich trafen, wirkte er leer", sagt Dian Flügel. Vicky finde keine neue Arbeit, er bete viel, und er teile seinen Reis mit einem befreundetem Paar und ihrem Baby. Natürlich gaben sie ihm Geld. "Wir protokollieren alles, was wir tun, damit unsere Spender sicher sein können, dass ihr Geld ankommt", sagt Ernst Flügel. "Changeforchance_bali" sei kein Verein, es gebe keine Spendenquittungen. "Deshalb wollen wir supertransparent sein." Und sie haben Pläne, noch mehr zu tun. "Vielleicht weiten wir unser Hilfsprojekt in den Osten und Norden des Landes aus, oder wir machen einen Ableger in Java", sagt Dian Flügel, "dort leben Familienmitglieder von mir." Java liegt zwischen Bali und Sumatra.

Mitte August wäre die Zeit in Canggu auf Bali für die Familie eigentlich zu Ende, für die Kinder und für Dian Flügel, die in Deutschland Modedesignerin ist, und für den Wirtschaftsingenieur Ernst Flügel. "Wir kommen aber nur zurück, wenn es möglich und es in Deutschland lebenswert ist", sagt Ernst Flügel. "Momentan schrecken uns die Nachrichten ab, etwa dass man Freunde nicht sehen kann und nicht reisen darf."

© SZ vom 15.05.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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