Besuch im Armenviertel "Wir versuchen, einen gewissen Schutz im Heimatland fortzuführen"

Die Frauen, die zu Jadwiga kommen, sind oft verstört oder verunsichert. Manche haben nicht einmal warme Kleidung zum Anziehen. Bei der Hilfsorganisation erhalten sie zunächst alles, was sie brauchen, Kleider, Essen und medizinische Hilfe. Auch ein Zimmer kann Jadwiga kurzfristig organisieren. Etwa, wenn die Polizei die Frauen braucht, um den Zuhälter zu schnappen und vor Gericht zu bringen. Viele Frauen wollen nach ihrem Martyrium aber einfach nur wieder zurück in ihre Heimat. Jadwiga kümmert sich dann um die Rückfahrt und womöglich eine kleine finanzielle Starthilfe. Doch daheim erwartet die Frauen nicht immer ein warmer Empfang, schließlich mussten sie als Ernährerin nach Deutschland gehen. "Das kann schon eine Stigmatisierung sein, wenn das Opfer in seine Heimat zurückkehrt", sagt Kriminalhauptkommissar Feiner.

Manchmal haben die Frauen aber Glück, und sie können mit ihrer Familie in eine andere Stadt ziehen. Dabei versucht auch die Polizei von München zu helfen. "Wir versuchen, einen gewissen Schutz im Heimatland fortzuführen", sagt Feiner. Doch das funktioniert nur in wenigen Einzelfällen. Denn "unser Vertrauen zwischen den Polizeien ist eingeschränkt". Feiner muss offenbar befürchten, dass ein von der Münchner Polizei eingeweihter Dorfbeamter in Bulgarien oder Rumänien sein Wissen über das Opfer ausnutzt.

170 Frauen

hat die Fachberatungsstelle Jadwiga im vergangenen Jahr in München betreut, die sexuell ausgebeutet wurden. Bayernweit waren es 237 Frauen, die bei Jadwiga Hilfe gesucht haben.

Bei Florika im Armenviertel von Burgas versuchen die Helferinnen und Helfer deshalb dafür zu sorgen, dass die Mädchen gar nicht erst nach München oder anderswo gehen müssen. In dem alten Haus neben der Schule lernen die Kinder verschiedene Fertigkeiten, die Sozialpädagogen bringen den Kindern vor allem Selbstbewusstsein bei. Die Mädchen kommen entweder vor der Schule oder im Anschluss vorbei, spielen oder malen gemeinsam, regelmäßig können sie mit einer Tanzlehrerin tanzen. "Wir haben momentan zwei Gruppen mit jeweils 13 bis 15 Mächen", sagt die pädagogische Leiterin von Florika, Gabi Panaystova. "Wir haben aber nur Mädchen, die auch zur Schule gehen." Vielen der Roma-Mädchen, die in Pobeda mit seinen etwa 7000 Einwohnern leben, können sie also gar nicht helfen.

Dabei sprechen sie auch mit den Eltern der Kinder, sagen ihnen, dass es wichtig ist, dass die Mädchen einen Schulabschluss machen. Sie laden auch die Mütter zu Florika ein, bringen ihnen Haareschneiden bei und Nähen, damit sie vielleicht einmal einen kleinen Laden aufmachen können und ihre Töchter nicht ins Ausland schicken müssen.

An diesem Vormittag im Herbst kommen drei Mädchen von der Straße hereingelaufen. Sie sind Freundinnen, gehen zur Schule nebenan, lernen Englisch und Bulgarisch, zu Hause sprechen die Kinder mit ihren Eltern nur ein Gemisch aus Romanes und Türkisch. Beba, ein zierliches Mädchen, stellt sich artig vor, "Stay cool" steht in Glitzerschrift auf ihrem Pulli. Dann zählt sie auf Englisch auf, was sie in den vergangenen drei Schuljahren gelernt hat: "Six, seven, eight, nine", sagt Beba und lacht. Elf Jahre ist Beba alt, so wie ihre Freundinnen. Wenn sie viel Glück hat, kann sie in ein paar Jahren einen Schulabschluss machen und einen Beruf ergreifen. Wenn nicht, wird sie wohl in drei Jahren zwangsverheiratet.

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