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Hilfe für Wohnungslose:Sie lernen wieder, selbst Entscheidungen zu treffen

Deshalb hat die Stiftung die Sache selbst in die Hand genommen und in den vergangenen Jahren fünf Wohnungen gekauft. In zwei davon wohnen nun festangestellte Biss-Verkäufer. Und die Stiftung würde gern weitere Apartments kaufen. "Unser Ziel ist, in zehn Jahren 20 Wohnungen zu haben", sagt Denninger.

Die Wohnungen sollen den Verkäufern den Übergang von der Obdachlosigkeit oder von prekären Wohnverhältnissen hin zur eigenen Mietwohnung erleichtern; die Verträge sind zunächst auf ein Jahr befristet. Sozialpädagogen und ehrenamtliche Helfer betreuen die Bewohner, es gibt eine Art Wohntraining, das Strategien zur Alltagsbewältigung vermitteln soll - vom Benutzen der Haushaltsgeräte über Putzen und Vorratshaltung bis hin zur Anmeldung bei Behörden und Kontoführung.

Die Rumänin Sanda Boca hat vor wenigen Monaten ihr neues Zuhause in Berg am Laim bezogen - mit eigener Waschmaschine, die ist ihr besonders wichtig.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Wohnblock in Solln, auf dem Klingelschild steht "Biss". Es ist eine gewöhnliche Wohnung hier im zweiten Stock, drei Zimmer, Küche, Bad - aber eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft. 182 Jahre alt sind die drei Herren zusammen: Gerald-Constantin Pancescu, 42, Cuza Dragomir, 60, und der 80-jährige Igor Vlad. Nach dem Tod seiner Frau zog er vor ein paar Jahren von Russland nach Deutschland. Ein paar Wochen lebte er auf der Straße, dann kaufte er sich ein Auto und schlief darin.

Über die Obdachlosenhilfe von Sankt Bonifaz erfuhr er von Biss, seit 2016 ist er Verkäufer. Sein Mitbewohner Cuza Dragomir kam 2015 aus Rumänien nach Deutschland, als Automechaniker hätte er gern gearbeitet, "aber die suchen junge Männer", keinen Sechzigjährigen. Schließlich Gerald-Constantin Pancescu. Er hat in Rumänien eine Ausbildung absolviert, er kann tapezieren und Stühle polstern, er ist ein guter Handwerker. Aber im Jobcenter lautet die erste Frage: Sprechen Sie Deutsch? Da kann Pancescu nur den Kopf schütteln.

Die Stiftung Biss hat die Wohnung komplett ausgestattet, mit einer Einbauküche, einem Kühlschrank, einer Waschmaschine, mit Möbeln. 390 Euro Miete bezahlt jeder. Der erste, der die Wohnung morgens verlässt, ist Dragomir: 6.30 Uhr. Um sieben gehen die beiden anderen. Abends ist es oft Dragomir, der für alle kocht.

Es sei verblüffend, welche Veränderungen sich nach kurzer Zeit zeigten, sagt Johannes Denninger von Biss - einfach weil jemand in einem Bett schlafe, ein Bad habe und einen geregelten Tagesablauf. Man erkenne nicht mehr gleich am Geruch, dass jemand arm ist. Die Kleidung werde heller, gepflegter. Die Menschen fingen wieder an, Essen zu kochen und Freude daran zu haben. Sie merkten, dass sie Lebensmittel kaufen und lagern können, ohne sechs Euro für ein 24-Stunden-Schließfach am Bahnhof auszugeben. Sie lernten wieder, selbst Entscheidungen zu treffen.

Als Igor Vlad, der 80-Jährige, nach Deutschland kam, schlief er monatelang in seinem Auto, krank, mit Gallensteinen. Während seiner Zeit auf der Straße musste er mehrmals im Krankenhaus behandelt und operiert werden. Heute ist Vlad ein heiterer alter Mann, der oft lacht und am Esszimmertisch in der WG in einem Mischmasch aus Russisch, Rumänisch und Deutsch von seinem Leben erzählt.

Er hat schon viel zu lange geplaudert. Zeit, zur Arbeit zu gehen. Vlad zieht seinen Lodenmantel an, setzt sich eine Mütze auf und nimmt das Wägelchen mit den Zeitschriften. Draußen steigt er in den Bus und fährt 18 Haltestellen. Am Heimeranplatz wechselt er in die U-Bahn und fährt zum Ostbahnhof. Er holt seinen Hocker, der an einem Fahrradständer angekettet ist, nimmt wieder die Rolltreppe abwärts und bereitet im Untergeschoss seinen Arbeitsplatz vor. Heftet den Verkäuferausweis ans Wägelchen, drapiert die Zeitschriften. Er winkt der Verkäuferin im Backshop gegenüber zu. Er lächelt. Kann losgehen.

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