Hilfe für Senioren München kämpft gegen Altersarmut

Längst gehen nicht mehr nur Wohnsitzlose auf Sammeltour, auch immer mehr Hartz-IV-Empfänger und Rentner versuchen so, ein paar Euro zusätzlich zu verdienen.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • In München gilt mittlerweile als armutsgefährdet, wer weniger als 1350 Euro netto im Monat zur Verfügung hat. Experten schätzen, dass etwa 70 000 Menschen davon betroffen sind, Tendenz: stark steigend.
  • Das Münchner Sozialreferat will dieser Entwicklung nun mit diversen Maßnahmen begegnen, für die es 2,6 Millionen Euro ausgibt.
  • Streetworker sollen alte Menschen direkt auf der Straße ansprechen und ihnen Hilfe anbieten, ebenso soll es kostenlose Mittagsmenüs geben.
Von Thomas Anlauf

Die Altersarmut in der Stadt ist längst sichtbar. Rentner wühlen in Mülleimern nach Pfandflaschen, stehen bei der Münchner Tafel an für ein paar Lebensmittel, die Supermärkte wegwerfen. Doch geholfen wird diesen Menschen oft nicht, denn sie leben meist im Verborgenen in ihrer Wohnung und fallen durch das soziale Raster. Ihnen stehen keine Sozialleistungen zu, wenn ihre Rente mehr als 437 Euro plus Miete beträgt.

Doch in München gilt mittlerweile als armutsgefährdet, wer weniger als 1350 Euro netto im Monat zur Verfügung hat. Experten schätzen, dass etwa 70 000 Menschen davon betroffen sind, Tendenz: stark steigend. Das Münchner Sozialreferat will dieser Entwicklung nun mit diversen Maßnahmen begegnen: Streetworker sollen alte Menschen direkt auf der Straße ansprechen und ihnen Hilfe anbieten. Um vereinsamte und verarmte Rentner aus ihrer Isolation zu holen, könnte es in den 32 Alten- und Servicezentren der Stadt künftig regelmäßig kostenlose Mittagsmenüs für (fast) alle Rentner geben.

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"Ältere Leute haben oft nicht mehr die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen", sagt Sozialreferentin Dorothee Schiwy. Das liegt oft daran, dass sie nicht mehr mobil genug sind, aber meistens liegt es am fehlenden Geld, um etwas zu unternehmen - und sei es nur, sich zu einem gemeinsamen Mittagessen zu treffen. Dieses Angebot will das Sozialreferat nun stark ausweiten. Am 18. Oktober soll der Stadtrat über eine umfangreiche Beschlussvorlage des Referats abstimmen, in dem "innovative Konzepte in der offenen Altenarbeit" vorgesehen sind. 2,6 Millionen Euro jährlich will das Sozialreferat dafür ausgeben - zunächst. Denn es ist noch völlig offen, wie die neuen Angebote angenommen werden.

"Wir wissen es noch nicht, wie groß der Bedarf ist", sagt Bürgermeisterin Christine Strobl. "Aber wir sehen: München hat hier einen Handlungsbedarf." Bislang ist vorgesehen, dass alle Alten- und Servicezentren (ASZ) mindestens dreimal in der Woche ein Drei-Gänge-Menü für Senioren anbieten; sie sollen nur noch für diejenigen etwas kosten, die mehr als 1350 Euro monatlich zur Verfügung haben, alle anderen zahlen nichts. Dafür werden zunächst 6000 Euro jährlich pro ASZ für Lebensmittel zur Verfügung gestellt - eine Summe, die für einige der Altenzentren wohl zu niedrig angesetzt ist. Denn in vielen gibt es bereits ein kostenloses Essen, nicht aber ein Menü, und das auch nur unregelmäßig - und trotzdem nehmen in manchen Einrichtungen bis zu 70 Rentner das Angebot wahr.

Völlig neu ist die Idee mit den Streetworkern: "Save" nennt sich das Projekt, dahinter verbirgt sich der holprige Name "Seniorinnen und Senioren aufsuchen im Viertel durch Experten". Zunächst sollen sieben Sozialpädagogen in ausgewählten Stadtteilen die Orte aufsuchen, wo sich Rentner gerne aufhalten: in Parks und kleinen Anlagen, in denen Bänke stehen, vor Einkaufszentren oder auch auf Friedhöfen. Die Streetworker sollen Beziehungen zu ihnen aufbauen und ihnen mögliche Hilfen und Unterstützung aufzeigen. Das können Hausbesuche sein, Haushaltshilfen oder Angebote der städtischen und sozialen Einrichtungen.

Eines der Ziele des Pakets sei es auch, "diese Menschen in ihrer Selbständigkeit zu unterstützen", sagt Schiwy. Denn immer mehr alte Münchner wollen so lange wie möglich in ihrer Wohnung bleiben und nicht in ein Seniorenheim gehen. Dass Hilfe nötig ist, zeigt die Statistik: Im Jahr 2035 werden voraussichtlich 331 000 Münchner älter als 65 Jahre sein - 65 000 Menschen mehr als heute.

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