Hilfe für Flüchtlinge Wenn Flüchtlinge Zahnschmerzen haben

  • Für Flüchtlinge ist es derzeit schwierig, sich von einem Zahnarzt behandeln zu lassen - auch bei akutem Zahnweh.
  • Das Hilfswerk Zahnmedizin Bayern (HZB) will jetzt ein Konzept umsetzen, das auch Flüchtlingen rasche Behandlungen ermöglicht.
  • Harte Verhandlungen stehen an zwischen Zahnärzten, der Landeshauptstadt und der Regierung von Oberbayern.
Von Christian Krügel

Pochende Zahnschmerzen gehören gewiss zu den schlimmsten Übeln der Menschheit, rasche Hilfe durch gute Zahnärzte zu den Segnungen moderner Medizin. Doch für die Tausenden Flüchtlinge in und um München ist die nur schwer zu bekommen - trotz rund 2000 niedergelassener Zahnärzte in der Region. Denn die Akutbehandlung von Asylbewerbern ist nur theoretisch gut geregelt, in der Praxis scheitert sie oft an bürokratischen Hürden.

Deshalb möchte das Hilfswerk Zahnmedizin Bayern (HZB) jetzt ein Konzept umsetzen, das auch Flüchtlingen rasche Behandlungen ermöglicht. Bereits 50 Münchner Zahnärzte haben sich bereit geklärt, mitzumachen - doch ob sie wirklich helfen dürfen, ist noch völlig offen. "Wir wollen hier endlich etwas ins Rollen bringen, drohen aber ausgebremst zu werden", sagt Martin Schubert, einer der Gründer des HZB.

Gemeinsam mit Tilmann Haass wurde Schubert am Freitagabend vom Katholikenrat der Region München mit der Pater-Rupert-Mayer-Medaille ausgezeichnet. Damit ehrt die katholische Laienvertretung das Engagement der beiden Zahnärzte für unbürokratische medizinische Hilfe bei Menschen, die weder Krankenversicherung noch Geld vorweisen können. Seit 2008 bauten Haass und Schubert ihr Hilfswerk auf, um vor allem obdach- und mittellosen Münchnern helfen zu können.

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Harte Verhandlungen stehen an

Trotz anfänglicher Widerstände der Landeszahnärztekammer gelang der Aufbau einer kleinen Praxis im Haus der Malteser in der Streitfeldstraße nahe dem Leuchtenbergring. Inzwischen mit Unterstützung der Kammer werden dort zweimal die Woche Menschen ohne Versicherung behandelt, insgesamt 950 Patienten bisher. Zudem schufen Haass und Schubert ein Netzwerk von 50 Zahnärzten in ganz Bayern, die die Aktion unterstützen. Dem Hilfswerk sei es gelungen, unbürokratisch Menschen zu helfen, die sonst durchs soziale Netz fallen würden, würdigte Katholikenratsvorsitzende Johanna Rumschöttel das HZB bei der Ehrung im Alten Rathaussaal.

Eine Auszeichnung, die zur rechten Zeit komme, so Martin Schubert. Denn am kommenden Donnerstag werden die Zahnärzte mit Unterstützung ihrer Kammer mit der Landeshauptstadt und der Regierung von Oberbayern hart verhandeln müssen. Das HZB möchte nämlich ihr Konzept auch auf Asylbewerber ausdehnen, bei denen der Bedarf eklatant sei. Flüchtlinge können sich derzeit einen Behandlungsschein ausstellen und mit diesem in eine Praxis zur Behandlung gehen.

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Viele Flüchtlinge wissen nicht, wer hilft

Das klingt einfacher, als es ist. Denn viele sind ratlos, an wen sie sich wenden können - obwohl sie eigentlich zur nächstgelegenen Zahnarztpraxis gehen könnten, so Schubert. Viele landeten deshalb in der Ambulanz der Uni-Zahnklinik oder einer 24-Stunden-Notfall-Praxis am Hauptbahnhof. Beide Einrichtungen sind aber am Rand ihrer Kapazitäten: Allein im Mai behandelten sie 310 Flüchtlinge, sagt Schubert.

Deshalb erarbeite das Hilfswerk Zahnmedizin gerade ein Netzwerk an Ärzten, die eine Art Bereitschaftsdienst für Flüchtlinge aufbauen möchten, ohne dabei ihre eigenen Patienten und die Termine in der Praxis zu vernachlässigen. "Wir müssen die Last auf viele Schultern verteilen", sagt Martin Schubert, "deshalb müssen wir ein richtiges lebendiges System ins Laufen bekommen." Im Idealfall sollten sich Flüchtlinge mit Zahnschmerzen an einen zentralen Ansprechpartner wenden können, der ihnen einen Arzt mit Kapazitäten in der näheren Umgebung zuweise.

Doch ob dieses System wirklich ins Laufen komme, ist noch unklar. Denn bei den Behörden gibt es Skepsis: Im schlimmsten Fall könne ein Wettbewerbsvorteil für die Zahnärzte entstehen, die sich an dem Netzwerk beteiligen. Zudem sei ein eigenes Konzept der Regierung gerade am Entstehen. Martin Schubert lässt das nicht gelten: Es gehe hier nicht um Wettbewerb, sondern um akute Hilfe. Und das eigene Konzept der Regierung habe er bis jetzt noch nicht gesehen. Am Donnerstag soll nun über die nächsten Schritte verhandelt werden. Martin Schubert bat die Mitglieder des Katholikenrats schon mal um Mithilfe im Gebet - "damit der Heilige Geist hier ein bisschen weht".

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