Hilfe Der Mann an seiner Seite

Der rechtliche Betreuer Josef Hepp (links) geht mit Matthias Kramp die Schreiben von Behörden und Versicherungen durch.

(Foto: Robert Haas)

Josef Hepp unterstützt seit 17 Jahren als rechtlicher Betreuer Menschen wie Matthias Kramp, die ihre Angelegenheiten nicht selbst regeln können. Weil der Bedarf groß ist, suchen die Katholische Jugendfürsorge und andere Vereine ständig neue Ehrenamtliche

Von Christian Schlodder

Die Nachrichten, die Josef Hepp heute übermitteln muss, sind nicht die besten. Matthias Kramps Sozialhilfe wird gekürzt. So steht es in dem Schreiben der Behörde. Grund dafür ist ausgerechnet Kramps Sparsamkeit. Die Heizkostenrückerstattung von etwa 300 Euro, über die sie sich vor Kurzem noch freuten, wird nun mit der Sozialhilfe verrechnet.

"Ich hatte schon damit gerechnet", sagt Kramp. Es war Josef Hepp, der ihm bereits vorab am Telefon erläutert hatte, was auf ihn zukommt. Und es war ebenfalls Hepp, der all das von Beginn an persönlich mit ihm durchgegangen war und die entsprechenden Anträge ausgefüllt hatte. All das gehört zu seinen Aufgaben als rechtlicher Betreuer. Im Kindesalter litt Matthias Kramp unter einer Funktionsstörung des Zentralnervensystems, die bis heute dazu führt, dass er auf Unterstützung angewiesen ist. Die hat er in Josef Hepp gefunden.

Der 80-Jährige kümmert sich seit 2013 ehrenamtlich um alle Angelegenheiten mit Behörden und Versicherungen und die Sozialleistungen von Matthias Kramp - zum Beispiel darum, dass die Heizkostenrückerstattung auch dem Sozialamt gemeldet wird. Manchmal müssen für Behörden Kontoauszüge rausgesucht und zugestellt werden. Der Heil- und Kostenplan der Krankenkasse muss geprüft werden. Hin und wieder meldet sich auch noch die Haftpflichtversicherung. Das ist durchaus eine Menge Papierkram. "Allein der Sozialhilfeantrag umfasst 14 Seiten. Da musste ich schon schauen, dass ich überhaupt zurechtkomme", sagt Josef Hepp.

Für Menschen, die aufgrund von Alterserkrankungen wie Demenz oder geistigen Behinderungen nicht in der Lage sind, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, ist diese Hilfe extrem wertvoll. In München gibt es insgesamt acht Betreuungsvereine, die solche Helfer vermitteln. Die Stadt unterstützt sie finanziell bei ihrer Suche nach Ehrenamtlichen, mindestens zehn neue Betreuer muss jeder Verein pro Jahr vorweisen können. Deshalb finden regelmäßig Informationsveranstaltungen statt, auf denen sich Interessierte ein Bild machen können. Auch Josef Hepp nahm an einer solchen Veranstaltung teil. 17 Jahre ist das her. "Ich wollte eine Aufgabe und gebraucht werden", sagt er. Früher arbeitete er als Personalleiter in einem Bauunternehmen. Matthias Kramp ist nun schon die dritte ehrenamtliche Betreuung, die er seitdem übernommen hat. Er kann sich auch noch eine weitere vorstellen.

Vom gesetzlichen Standpunkt ist das Konzept der rechtlichen Betreuung all derer, die sich nicht mehr selbst vertreten können, eine ehrenamtliche Aufgabe. Angeordnet und genehmigt wird eine Betreuung von einem Gericht. Oft übernehmen diese dann Familienmitglieder, die sich beispielsweise um betagte Eltern oder behinderte Kinder kümmern. Doch deren Anteil an den Gesamtbetreuungen nimmt seit Jahren stetig ab. In manchen Fällen wohnen die Angehörigen zu weit entfernt, in anderen Fällen möchten die Betroffenen auch nicht von den eigenen Verwandten betreut werden. In all diesen Fällen kommen dann ehrenamtliche Betreuer wie Josef Hepp zum Zug. Ihre Zahl liegt deutschlandweit bei mehr als 18 000. Zudem gibt es noch berufliche Betreuer, die immer dann einspringen, wenn sich kein Ehrenamtlicher finden lässt. Auch ihre Zahl nimmt seit einiger Zeit zu.

Wer sich für die ehrenamtliche Tätigkeit interessiert, muss einige Voraussetzungen erfüllen. Schon im Vorfeld wird eine Schufa-Auskunft und ein Führungszeugnis verlangt. Schließlich ist der Betreuer unter Umständen auch für die Finanzgeschäfte und das Vermögen eines fremden Menschen zuständig. Da die meisten rechtlichen Betreuungen für Menschen in deren letzter Lebensphase nötig sind, findet man sich auch schnell in der Situation wieder, Entscheidungen über die medizinische Behandlung treffen zu müssen. Die meisten ehrenamtlichen Betreuer sind älter als 65 Jahre, auch weil Lebenserfahrung wichtig ist.

"Es braucht schon Menschen, die gern Verantwortung übernehmen", sagt Carola Ruf vom Betreuungsverein der Katholische Jugendfürsorge der Erzdiözese München und Freising. Sie war es auch, die Josef Hepp und Matthias Kramp vor knapp sechs Jahren zum ersten Mal zusammenbrachte. Betreuer und Betreuter müssten immer zusammenpassen, anders gehe es nicht, sagt sie. Anfängliche Skepsis gibt es dennoch oft. "Ich war am Anfang unsicher, ob ich mit ihm klarkomme", sagt Matthias Kramp über das erste Aufeinandertreffen mit Josef Hepp. "Aber ich hab' schnell gemerkt, dass ich mit ihm sehr gut zurechtkomme." Nun telefonieren sie regelmäßig und sehen sich mindestens alle zwei Monate, um all die Post zu besprechen, die zwar für Matthias Kramp bestimmt ist, aber in Josef Hepps Briefkasten landet. "Aber es ist auch nicht so, dass wir nur über Paragrafen reden", sagt Hepp. Im Sommer gehen sie gern gemeinsam in den Biergarten. "Dann reden wir über dies und das und manchmal unterhalten wir uns auch über die Frauenwelt", sagt Matthias Kramp.

"Dass die beiden auch privat Dinge unternehmen, ist die Kür. Das ist keine Selbstverständlichkeit und schon gar keine Pflicht", sagt Ruf. In vielen Fällen sei dies auch gar nicht möglich. "Für mich ist das eine gute Basis für unsere Zusammenarbeit und für das Vertrauensverhältnis", sagt Josef Hepp. Als rechtlicher Betreuer ist Vertrauen unbedingt erforderlich, schließlich lernt man nicht nur einen Menschen kennen, der Unterstützung braucht, sondern auch komplett andere Lebensumstände. Menschen, die von Grundsicherung leben müssen. Das Leben in einer betreuten Wohngruppe. Das letzte Kapitel im Pflegeheim. "Es ist eine Bereicherung, wenn man andere Persönlichkeiten und andere Verhältnisse mitbekommt", sagt Hepp. "Man lernt viel."

Ein Betreuungsverhältnis wird gerichtlich für bis zu sieben Jahre angeordnet. Dann wird es überprüft. Ist es noch nötig? Ist es vom Betreuten überhaupt noch gewünscht? "Nach sechs Jahren wird man ja schon zu einem Teil Familie", sagt Josef Hepp. Der 51-jährige Matthias Kramp pflichtet ihm bei. Er selbst habe sich schon lange dafür entschieden, dass er weiter von ihm betreut werden möchte, sagt er. Irgendwann Mitte Februar wird dazu ein Schreiben im Briefkasten von Josef Hepp liegen, das die nächsten Schritte zur Verlängerung erläutert. Dann wird er wieder das Telefon in die Hand nehmen und Matthias Kramps Nummer wählen. Wenn der den Hörer abnimmt, wird es nicht nur den üblichen Papierkram zu besprechen geben - sondern richtig gute Nachrichten.

Der nächste kostenlose Grundkurs für Betreuer findet am 12. Februar, 18 Uhr, in der KJF, Lessingstraße 8, statt. Anmeldung unter 544 23 141.