Jazz-Extravaganz:Immer wieder irre

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Jazz-Extravaganz: Alles paletti: Andreas Schaerer durfte als Frontmann von "Hildegard lernt fliegen" endlich wieder in der Unterfahrt seine Mikrofon-Kunststücke vorführen.

Alles paletti: Andreas Schaerer durfte als Frontmann von "Hildegard lernt fliegen" endlich wieder in der Unterfahrt seine Mikrofon-Kunststücke vorführen.

(Foto: Oliver Hochkeppel)

Andreas Schaerers "Hildegard lernt fliegen" in der Unterfahrt.

Von Oliver Hochkeppel

Eine gefühlte Ewigkeit lang waren die Schweizer von Hildegard lernt fliegen nicht mehr hier. Und der Trennungsschmerz war beidseitig: Beim Münchner Publikum konnte man das schon daran ablesen, dass der Auftritt in der Unterfahrt lange vorher ausverkauft war; und für die Band erklärte Frontmann Andreas Schaerer eingangs des Konzerts sichtlich gerührt, wie froh man sei, endlich wieder auf dieser Bühne zu stehen. Ist München für die Truppe, deren Name ihre schräge, die üblichen Jazz-Kriterien ignorierende und außergewöhnlich humorvolle Musik-Mixtur spiegelt, doch ein besonderes Pflaster: Der Gewinn des BMW Welt Jazz Awards 2014 markierte den Durchbruch in Deutschland, wo man seither mit den Münchner Labels Enja und Act verbunden ist. Und ein späterer Unterfahrt-Auftritt mündete im monumentalen Orchesterprojekt "The Big Wig" beim Luzern Festival.

Kommt hinzu, dass die Band ohnehin eine Pause gemacht hatte, wegen einiger anderer Projekte von Schaerer, aber auch, weil man nach 15 Jahren etwas Neues machen wollte, ein Konzeptalbum nämlich. Als "The Waves Are Rising, Dear!" dann 2020 fertig war, fiel die Tour ins Corona-Loch. Jetzt endlich konnte man also als erste Programmhälfte dieses 44-minütige Werk spielen, das so ganz anders ist als das bisher von der Band Gewohnte. Nahezu auskomponierte Kammermusik in Endzeit-Stimmung, Corona und den Ukraine-Krieg gewissermaßen prophetisch vorwegnehmend. Völlig untypisch ernst, ja geradezu düster vorgetragen.

Eindrucksvoll, aber auch ein bisschen unbefriedigend. Weil man - Schaerer sprach es selbst an - die Hildegard-lernt-fliegen-spezifischen Qualitäten vermisste: den Humor und die Vokalakrobatik Schaerers. Was nach der Pause unter anderem mit alten Hits wie "Zeusler" und "Don Clemenza" ausgiebig nachgeholt wurde. Spätestens nach einer finalen Beatbox-Lautmalerei-Vier-Oktaven-Extravaganz, wie sie nur Schaerer beherrscht, waren alle, Zuschauer wie Musiker, wieder so beglückt wie einst.

Jazz-Extravaganz: Viel mehr als nur ein Bläsersatz: Matthias Wenger, Andreas Tschopp und Benedikt Reising (von links) sind bei "Hildegard lernt fliegen" auch Solisten, Melodieträger, Flötenorchester oder Perkussion-Gruppe.

Viel mehr als nur ein Bläsersatz: Matthias Wenger, Andreas Tschopp und Benedikt Reising (von links) sind bei "Hildegard lernt fliegen" auch Solisten, Melodieträger, Flötenorchester oder Perkussion-Gruppe.

(Foto: Oliver Hochkeppel)
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