Bester Sound im Auto

Flashback, damals an der Verkehrsampel! König war, wer die schönste Vokuhila hinter dem Lenkrad onduliert und die größten Lautsprecher in der Hutablage seines Mantas, Capris, Golfs montiert hatte. Der Basstreiber im Kofferraum sorgte dafür, dass der Kiez den Sound aus dem Kassettendeck brühwarm mitbekam und die Zusatzbatterie für die Extra-Watts anständig gefordert wurde. Those were the days!
Heute geht das eleganter. Hersteller wie Bose verbauen in den SUVs der Edel-Klasse Dutzende Lautsprecher, die die Lenkenden von scheinbar überall aus beschallen. Fahren wird zum Schweben durch die Räume der privaten Soundmobile. Nach außen blubbert bestenfalls die Auspuffanlage, während im eigenen Kosmos je nach Bedürfnislage die Geigen streichen oder die Beats donnern. Wie sich das genau anhört, kann man im Foyer und im Außengelände am Eingang der High End im MOC begutachten. Im vergangenen Jahr stand dort ein Lamborghini als Hörtestfahrzeug.
Zauberwort Immersion
Der Fachbegriff für das zeitgemäße Klangerleben heißt Immersion, also mittendrin. Er ist eines der Zauberworte der internationalen Fachmesse für Audiotechnik, die im Münchner Norden an der Lilienthalallee rund 500 Aussteller mit 900 Marken auf etwa 30 000 Quadratmetern vier Tage lang versammelt, um zu zeigen, was gerade auf dem Hi-Fi-Sektor die heißen Trends sind. Es ist ein Treffpunkt der Begehrlichkeiten und das Gegenmodell zu dem, was man im Alltag am U-Bahnsteig erlebt. Dort stöpseln sich Menschen kleine Hütchen ins Ohr, um datenreduziert kräftig komprimierte Files zu konsumieren. Das geht auch mit kleinem Budget, im Unterschied zu vielem, was man auf der High End erleben kann.
Die teuerste Anlage
Die Firma Audio Reference zum Beispiel hat angekündigt, mit der teuersten Anlage anzureisen, die je auf der High End gezeigt wurde. Rund drei Millionen Euro sollen die Bauteile in der Summe wert sein, die in einem separat eingerichteten und konzertsaalähnlichen Raum präsentiert werden. Zahlreiche Konkurrenten wie Loewe, T+A, Canton, Burmester, Dynaudio oder Technics machen es ähnlich und inszenieren ihre Geräte in eigenen Separees. Diese je nach Hersteller sehr unterschiedlich gestalteten Kabinen sind zugleich die Klang- und Ruheräume der Messe. Denn die High End insgesamt ähnelt einem Bienenstock. Überall Musik, Gespräche, Präsentationen, verteilt auf vier Hallen und drei Atrien mit Extra-Räumen, Gastro, Gängen und Außenflächen.
Fachbesucher und Hörlustige

Die ersten zwei Tage öffnet die Messe am 15. und 16. Mai um 10 Uhr ausschließlich für Fachpublikum. Am 17. und 18. Mai sind die Tore dann für alle offen, die sich für Home Audio interessieren. Dabei gibt es nicht nur die Traumanlagen zu bestaunen, sondern auch Initiativen wie das Soundsclever-Label der High End Society. Es bietet Audiosysteme für Einsteiger, die die magische Marke von 5000 Euro Anschaffungskosten nicht überschreiten. Für das Geld bekommt man zwar an anderer Stelle noch immer eine schicke Kreuzfahrt angeboten. Doch die ist nach zwei Wochen vorüber, wohingegen man mit seinen Soundsclever-Hörstationen nach Jahren noch seinen Spaß im eigenen Heim haben kann.
Klangvolle Games

Bei manchen Themen laufen außerdem mehrere Stränge zusammen. Nachwuchs zum Beispiel ist ein Punkt. Wer seine Musik üblicherweise über Smartphone, kleine Knopfhörer und Bluetooth-Würfel konsumiert, mag zunächst nicht für ein ausgefeiltes Audio-System zu haben sein, spielt aber vielleicht. Und wer gerne zockt, lässt sich schließlich nicht nur von ausgefuchster Grafik, sondern auch von packendem Sound begeistern. Seit vergangenem Jahr gibt es auf der High End daher eine Gaming Zone. Dort kann man an verschiedenen Konsolen ausprobieren, wie man sich noch etwas mehr und akustisch unterstützt in die virtuelle Dimension begeben kann. Wer will, lässt sich dort seinen Heimspielplatz individuell konfigurieren. Vielleicht nicht unbedingt zur Freude seiner Nachbarn.
Die Welt der Kopfhörer

Wenn die Troll-Armee wattstark durch die Playzone rumpelt, bebt schon mal das Parkett. Das gilt auch für alle, die etwa ihren Karajan in Philharmoniker-Lautstärke hören wollen. Und das kann Spannungen provozieren, muss aber nicht. Denn die World Of Headphones in Halle 1 der High End präsentiert auf einem eigenen Areal mehr als 70 Marken mit speziell gestalteten Kopfhörern, die von symphonischem High End bis zu Social-Media-Content und Gaming-Sound mögliche Alternativen zu lauten Soundbars bieten. Allein dort kann man schon einen ganzen Tag verbringen, die neuesten Systeme von ATB ArcTec Berlin bis Zeitgeist Germany oder ZMF aufsetzen und sich einen Eindruck davon verschaffen, welche Variante am besten für die eigenen Hörgewohnheiten passen.
Die Botschafterin

Für Kopfhörer gilt, wie auch für alles auf den High End: Nicht das Teuerste ist für jeden das Beste, sondern das System, das dem individuellen Hörempfinden entgegenkommt. Schwer widerstehen kann man allerdings bei den immersiven Klangsystemen. Wer investieren will, kann sich seinen Raum von Kiiaudio oder Konkurrenten ausstatten lassen. Da werden dann schon einmal sieben bis neun Lautsprecher auf verschiedenen Raumhöhen montiert und entsprechend segmentiert angesteuert. Die norwegische Sängerin Anette Askvik hat mit so einem System ihr neues Album „Liberty“ mixen lassen. Im Vergleich zum klassischen Stereo fühlt man sich beim Hören mitten in der Musik, als Teil der Kunst, nicht als Konsument. Anette Askvik wird auf der High End mehrfach ihre Arbeit persönlich vorstellen und aus der Welt der Studiogeheimnisse berichten.
Expertenrunden
Übrigens kann man Immersion längst in gut ausgestatteten Kinos als Dolby Atmos erleben. Kino, Hi-Fi und Veranstalter nähern sich an. Im Elektra Tonquartier des Bergson Kunstkraftwerks beispielsweise erlebt man bereits nachhallbasierte Beschallungssysteme im Konzertsaal, mit vielen über den Raum verteilten Lautsprechern und den passenden Algorithmen für die Klangverteilung. Die Hi-Fi-Entwicklung ist rasant, in Tüftel-Stuben und Labors wird weitergeforscht. Einige Spezialitäten der Raumakustik, der Studio-Arbeit oder auch Medizinisches wie die Hörkontaktlinse werden am 17. Mai auf der X-Pert Stage der High End diskutiert. Die angegliederte International Parts & Supply (IPS)-Messe bringt Zulieferer und Hersteller zusammen. Und in der seit 2017 existierenden Start-up-Area kann man sich von ungewohntem Design bis zu Beschichtungssystemen für Mikroelektronik Ideen holen. Dort sollen auch schon Investoren gesichtet worden sein. Es ist das Business abseits des Privatkundengeschäfts.
Kurioses
Wer nur staunen oder Schnäppchen machen will, streift einfach durch die Hallen. In den vergangenen Jahren konnte man etwa Lautsprecher in Form raumhoher Muscheln, Sound-Komponenten im Design von Motorblöcken oder Plattenspielern mit externen Drehscheiben in der Größe von Winterreifen bewundern. Vinyl-Schatzsucher finden gut sortierte Händler in den Hallen und, wer will, kann für ein paar Meter Hi-Fi-Kabel mehr investieren als für seine Monatsmiete. Ein besonderer Magnet ist auch der größte Ausstellungsstand der Messe. Er wird im Atrium 3.1. von ESD Acoustics bespielt, einem chinesischen Anbieter, der nicht nur irrwitzig groß dimensionierte Lautsprecher präsentiert, sondern sein Personal auch in traditionellen Gewändern auftreten lässt.
Von München nach Wien
Damit bekommt man auch eine Ahnung, dass hinter den Kulissen der Konkurrenzkampf um Marktanteile hart geführt wird. Über Zölle und deren Folgen für den Markt wird bislang wenig geraunt. Da aber einige der großen Hersteller aus Amerika kommen, wird auch an den Ständen die Politik nicht ausgespart bleiben. Eines jedenfalls ist unabhängig davon schon einmal entschieden: Die High End findet in diesem Jahr zum letzten Mal in München statt. Im Mai 2026 wird die Messe unter dem Signum High End Vienna in Wien im Austria Center Vienna ihre Pforten öffnen. „Nach über 20 Jahren in München war es Zeit für eine Veränderung“, meint High-End-Chef Stefan Dreischärf. Worin genau sie bestehen wird, ist offen. Die Hi-Fi-Fans jedenfalls werden dann ein wenig reisen müssen.
High End Munich 2025, Donnerstag, 15., bis Sonntag, 18. Mai, MOC Event Center Messe München, Lilienthalallee 40

