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Hidalgo Festival:In den Ring gestiegen

Hidalgo Festival

Von John Dowlands Liedern niedergerungen: Die Sopranistin Andromahi Raptis im Boxring.

(Foto: Max Ott)

Das Festival überzeugt auch im dritten Jahr mit klassischer Musik an ungewöhnlichen Orten

Von Klaus Kalchschmid

Mit trauerumflorten Liedern von John Dowland, darunter "Come heavy sleep" und "Flow my tears", erträgt eine zu Boden gegangene Boxerin ihren Schmerz, schöpft neue Kraft und richtet sich mit Songs von Kurt Weill, unter anderem aus der "Dreigroschenoper", wieder auf. Wo sonst die Fäuste fliegen, was zwei Männer auch an diesem Abend zeigen, erklingt nun zum ersten Mal klassischer Gesang.

Andromahi Raptis und der fantastisch fein fühlende und spielende Jonathan Ware am Flügel im Ring daneben geben im "Box-Werk" in der Schwindstraße kein Recital, sondern lassen beim Hidalgo-Festival für junge klassische Musik das Singen und generell Musik als etwas Elementares erleben, das einen Menschen in seinem ganzen Elend zeigt, aber auch wie er sich daraus erheben kann. Wenn dann die roten Boxhandschuhe zusammen ein Herz ergeben, verschmelzen Aktion und Reflexion in einem sprechenden Bild.

Noch fantastischer ist tags darauf die Location der Boulderhalle in der Landsberger Straße. Statt eines niedrigen Kellers nun futuristisch anmutende hohe, verwinkelte Wände mit bunten Noppen in allen Formen und Größen wie von Joan Miró entworfen. Aber leider klettert in den Pausen zwischen den Stücken niemand. Dafür sind die Steilwände optisch wie akustisch das perfekte Ambiente für ein Streichorchester. Das besteht aus jungen Mitgliedern des Staatsorchesters, der BR-Symphoniker und der Berliner Philharmoniker.

Höchst anspruchsvoll war das Programm mit Werken des 20. Jahrhunderts: Neben dem farbigen "Concerto" von Grażyna Bacewicz aus dem Jahr 1948 die "Ernsten Gesänge" von Hanns Eisler mit Johannes Kammler und Schönbergs berühmte, üppig sich verströmende "Verklärte Nacht" in der Version für Streichorchester. Wenn gut 20 Musiker hier ein Fortissimo spielen, fühlt man sich wie bei Gewitter in einer rauschenden Klamm. Aber wann immer feine Kammermusik gemacht wird, ist das Ergebnis klar und spannungsvoll.

Eislers sechs kurze Lieder mit Prolog und Epilog sind sein letztes Werk, komponiert im August 1962 kurz vor seinem Tod. Nicht ohne Grund zitieren sie die "Vier ernsten Gesänge" des späten Brahms, selbst ihr Duktus ist oft romantisch und irgendwie aus der Zeit gefallen. Doch Eisler bezieht sich nicht wie Brahms auf die Bibel, sondern auf schwermütige Gedichte Hölderlins, nicht ohne auch Hoffnungsfrohes von Brecht und Stephan Hermlin zu vertonen. Das junge Festival-Orchester begleitet sensibel, aber auch die verhalten umsichtig agierende Dirigentin Johanna Malangré kann nicht verhindern, dass man dank der Akustik wenig von den großartigen Texten versteht. Doch Bariton Johannes Kammler gestaltet so vielschichtig und facettenreich, dass man den Gehalt erahnen kann. So ergeht es dem Hörer auch in der "Verklärten Nacht". Sie handelt von einer Frau, die in einer Mondnacht dem Geliebten erzählt, dass das Kind, das sie unterm Herzen trägt, von einem anderen Mann stammt, worauf der Geliebte sie vorbehaltlos in die Arme schließt. Im blau getönten Ambiente der Boulderhalle leuchten Mond wie Zuneigung da im schönsten Licht.

© SZ vom 15.09.2020

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