„Gemütliches Rezipiententum wird vom gemeinsamen Erlebnis abgelöst.“ Für Cellistin Anne Keckeis, 31, ist es genau das, was idealerweise in einem Konzert – auch in der Klassik – geschieht. Und man visualisiert sich selbst für eine Millisekunde, sagen wir in der Isarphilharmonie, in bequemer Sitzhaltung. Der Dirigent hebt den Stab, und man denkt, „so, auf geht’s, jetzt unterhaltet mich mal schön für mein Geld“. Bei „Hidalgo“, Münchens Festival für junge Klassik, wäre man mit dieser Konsumhaltung sicherlich im falschen Film.
Denn hier sind die Spielregeln auf null gesetzt. Es geht, so Keckeis, Gründungsmitglied und künstlerische Leiterin im Kollektiv, um unkonventionelle Musikformate, um intensive Begegnung zwischen Publikum und Künstlern. Um „close contact“ in der Klassik eben. So lautet auch das Motto des Festivals, das vom 17. bis zum 24. Oktober im Mucca und Pathos stattfindet.
Entschieden über das Motto hat das Kollektiv, so ist das bei Hidalgo. Seit 2018 sind sie unterwegs mit ihrem Zukunftslabor für eine junge Klassik. Heute sind sie eine Gruppe von elf Künstlerinnen und Künstlern, die interdisziplinär die Bereiche Komposition, Text, Digitalkunst, Regie, Choreografie, Dramaturgie, Konzertdesign, bildende Kunst und sogar Neurowissenschaft verbinden.
Sie wollen die Grenzen zwischen klassischen Genres und Gattungen einreißen, sich ohne Berührungsängste bewegen zwischen Hochkultur, Mainstream und Nische. Eisbrecher sein in starren Strukturen, die Klassik herausführen aus den immer gleichen Orten und angestaubten Ritualen. Kurz, sich wie ihr Namensgeber im Schumann-Lied „Der Hidalgo“ ins Abenteuer stürzen.

Da ist viel Wollen, und der Weg vom Gedanken zur Tat ist oft nicht einfach. Aber was hat man da in den vergangenen Jahren nicht alles erlebt bei Hidalgo: Schubert-Lieder im Barbershop, Surround-Kino mit Live-Klassik in der Blackbox im alten Gasteig, abgründige Orchesterwerke in einer Kletterhalle, sinfonischer Protest gegen den Klimawandel im Sugar Mountain, Klassik im Boxring oder über schallneutralisierende Kopfhörer im abgedunkelten Installationsraum ein KI-Lied-Labor in der Microsoft-Zentrale, Barocklieder im aufgelassenen Kaufhaus am Stachus oder bearbeitete Schubert-Zyklen im Jagd- und Fischereimuseum in der Neuhauser Straße.

Letzteres wäre wohl auch der perfekte Ort für das Festival 2025 gewesen, denn Hidalgo frönt dem „Wildtrieb“. Doch laut Anne Keckeis wird es für das Organisationsteam generell immer schwieriger, Off-Locations zu finden, die entweder frei oder bezahlbar sind. „Nach vielen Absagen hat sich das Mucca im Kreativquartier München angeboten, zu Konditionen, die wir uns leisten können“, sagt sie. Und auch das Pathos Theater, in dem es am 17. und 18. Oktober (jeweils 18 und 21 Uhr) in die Welt des Waldes geht, jenen Ort, an dem der Mensch wohl diesen Urtrieb, die Lust am Jagen, an der Beute zuerst ausgelebt hat.
Wer ist der Jäger, wer der Gejagte? Um die intensive Dynamik zwischen Nähe und Bedrohung, zwischen dem Verteidigen und Zulassen, dem Ausgeliefertsein und sich Hingeben geht es in den Werken an den beiden performativen „Wildtrieb“-Abenden, die Anne Keckeis zusammen mit Gregor A. Mayrhofer konzipiert hat. Da sind etwa „Jägers Abendlied“ oder „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert zu hören, auch Robert Schumanns „Zwielicht“ oder das „Jagdquartett“ von Jörg Widmann.

„Es ist unglaublich, wie Widmann die einzelnen Vorgänge bei der Jagd, beim Zerwirken vertont hat, seine Musik erzählt so viel Geschichten“, sagt Anne Keckeis, die sich freut, das Malion Quartett aus Frankfurt am Main und die Mezzosopranistin Bella Admova für das Projekt gewonnen zu haben. Sie werden keine klassische Bühne bespielen, das Konzert – choreografiert von Roberta Pisu – wird sich durch den Raum bewegen. „Man wird ganz nahe dran sein an den Musikern“, sagt Anne Keckeis, richtig viel „close contact“.
Apropos „Zerwirken“ – wem dieser „Jäger-Latein“-Begriff fremd ist: Im Ticket für die „Wildtrieb“-Abende eingeschlossen ist auch ein Vortrag der Jagd- und Wildtier-Expertin Martina Hudler (jeweils 19.30 Uhr im Mucca), der das künstlerische Erleben ergänzen soll. Die Biologin Martina Hudler spricht über den Lebensraum Wald, streift Themen wie Waldsterben, Klimawandel, romantische Mythen und das weibliche Selbstverständnis in einer oft männlich dominierten Jagd- und Forstwelt.
Ein gemeinsames Münchner Gedächtnis
Vielleicht ist es dem einen oder anderen schon begegnet, das Hidalgo-„Geschichtenzelt“. An öffentlichen Orten in der Stadt hat das Team um Regisseurin Stella Neuner Menschen um ihre Gedanken, Erinnerungen und Emotionen gebeten. „Es sind unglaublich viele berührende Geschichten zusammengekommen, mit denen man sich verbinden kann“, so Anne Keckeis.
Eine Art „gemeinsames Münchner Gedächtnis, Denkarium, einen kollektiven Datenspeicher“ werden sie nun am 19. und 20. Oktober (18 und 20.30 Uhr) im Mucca als performative Installation präsentieren. Studierende der Hochschule für Musik und Theater München spielen Werke von Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann und Letian Jiang sowie Improvisationen von Magdalena Geiger, Sarah Luisa Wurmer und Paul Bießmann.
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Gibt es ein einsameres Wesen auf dem Planeten als den Wanderer in Franz Schuberts „Winterreise“? Ein namenloses Ich, ziellos unterwegs im eisigen Niemandsland, in sich selbst verkapselt, eine Krähe und der barfüßige Leiermann seine einzigen, wunderlichen Kontakte. Bei Hidalgo wird der wohl berühmteste aller Liedzyklen in einer Interpretation des amerikanischen Komponisten Jay Schwartz zu hören sein (Mucca, 21. Oktober, 20 Uhr), die Besetzung findet gewiss nicht nur Anne Keckeis „einzigartig cool“.
Tenor Bernhard Hirtreiter wird nicht klassisch von einem Pianisten oder einer Pianistin begleitet, sondern vom renommierten Raschèr Saxophone Quartet und seinem Raschèr Academy Orchestra, geleitet von Gregor A. Mayrhofer. Das klingt ungewohnt, düster, bauchig, wie eine Raureif-Schicht, eine Schneewolke, die den Wanderer umhüllt. Aber auch mit diesem Kalteis-Klassiker suchen die Raschèrs und der Sänger nach Momenten der Begegnung.

Und nun vom Isolationstrip zum anderen Ende der Skala, was menschliches Kontaktverhalten angeht: Hidalgo lädt zum Happening, zu einem neo-archaischen Klang-Kult-Ritual. Da kommt man zusammen (Mucca, 24. Oktober, 18 und 22 Uhr), um, angeleitet von einer Zeremonien-Meisterin, dem „Ewigen Ton“ zu huldigen, der seit Urzeiten durch die Menschheitsgeschichte geistern soll und es nun endlich auch nach München geschafft hat.
Ein paar Regeln gibt es bei dieser Gruppen-Erfahrung zu beachten, die wir hier in voller Schönheit wiedergeben: „1. Bitte erscheint in heller Kleidung. 2. Ihr könnt mitsingen. Ihr müsst nicht. 3. Bringt gerne eigene Instrumente mit.“
Wer sich jetzt fragt, ob die Hidalgos kollektiv irgendeinem New-Age-Wahn verfallen sind und ihr Festival fortan die Spiritualisierung des Klassikbetriebs vorantreiben will, sollte sich spätestens jetzt eine breit grinsende und augenzwinkernde Anne Keckeis vorstellen. Denn auch das gehört zu Hidalgo: der Humor.
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Weniger lustig: Auch das Hidalgo als Festival der Freien Szene hat mit den Kürzungen im Kulturbereich schwer zu kämpfen. „In diesem Jahr war es furchtbar, es gab Zusagen von der Stadt, die dann noch mal gekürzt wurden“, sagt Anne Keckeis. Das Fundraising sei äußerst schwierig gewesen, man habe neben den öffentlichen Geldgebern auch noch Stiftungen gewinnen können. Doch noch immer ringe man mit den Finanzen. Irgendwann aber habe sich das Kollektiv dazu entschlossen loszulegen, auf sich selbst zu vertrauen, auf die Energie, den Idealismus in der Gruppe.
Man setzt auch auf das Publikum, das man in den vergangenen Jahren gewonnen hat und auch diesmal neu hinzugewinnen will, auch durch Eintrittskarten, die über Sozialpartner kostenlos verteilt werden. Erstmals gibt es heuer auch das Konzept „Pay what you can“; jeder kann entscheiden, wie viel er geben möchte, und wer ein größeres Budget zur Verfügung hat, kann anderen den Konzertbesuch ermöglichen. Denn auch das steht im Werte-Kodex des Hidalgo-Kollektivs: „Weil uns der gesellschaftliche Dialog zwischen allen Menschen ein zentrales Anliegen ist, bieten wir für Bedarfsgruppen stark ermäßigte Tickets und Freikarten an.“
Hidalgo, Festival für junge Klassik, 17. bis 24. Oktober, im Mucca und Pathos Theater, Kreativquartier München, Infos unter www.hidalgofestival.de

