Heute München, morgen Berlin? Eine Runde Politik

Quartett beim Fototermin (v. li.): Marcel Rohrlack (Junge Grüne), Björn Birkenhauer (Julis), Lena Sterzer (Jusos) und der JU-Vorsitzende Stephan Pilsinger.

(Foto: Florian Peljak)

Warum wird man heutzutage als junger Mensch aktiv? Lena Sterzer, Marcel Rohrlack, Björn Birkenhauer und Stephan Pilsinger, die Vorsitzenden der vier großen Partei-Jugendorganisationen, sprechen über ihre Motive

Von Esther Diestelmann und Jacqueline Lang

Vier Stühle, einer bleibt leer. Es wäre eine Schafkopfrunde ohne vierten Mann. Der Eichel-Ober fehlt, also wird ein Kurzer angesagt. Die anwesenden Spieler der Podiumsdiskussion im Kellerraum des Eine-Welt-Hauses sind: Lena Sterzer, 29, von den Münchner Jungsozialisten spielt Herz, Marcel Rohrlack, 21, von den Jungen Grünen spielt Grün und Björn Birkenhauer, 23, von den Jungen Liberalen spielt Schellen. Gesucht wird Stephan Pilsinger, 29, von der Jungen Union. Wie immer. Die Anwesenden lachen, es wirkt einstudiert.

"Den Stephan, den kenn ich nicht", sagt Sterzer von den Jusos. Auch Rohrlack und Birkenhauer kennen Pilsinger nur aus den Medien. Warum er nicht gekommen ist? Strategie oder Kalkül? "Wir wollen lieber inhaltlich arbeiten und keine schöngeistigen Debatten führen", sagt Pilsinger Tage nach der Diskussionsrunde. Und schöngeistig wurde es: Gesprochen wurde über Bildung, Gleichberechtigung und Pressefreiheit. Da darf die Causa Böhmermann natürlich nicht fehlen. Auch Abstraktes wurde diskutiert, wie die Organisation des Rundfunkrats bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Diskussionspunkte, die an der Realität der meisten Münchner vorbeigehen, sagt Pilsinger. Die interessierten sich vor allem für bezahlbaren Wohnraum und den schnellsten Weg zur Arbeit. Das zumindest glaubt der junge Mediziner. Fairerweise sollte erwähnt werden, dass die Junge Union um eigene Themenvorschläge gebeten wurde. Am Ende sagten sie nicht einmal ab. Stattdessen kümmern sie sich lieber um eigene Veranstaltungen - mit mehr Prestige und Publikum, wie Pilsinger sagte.

Bei den drei anwesenden Parteien der Podiumsdiskussion, in diesem Jahr veranstaltet von den Jusos, gab es erstaunlich viel Konsens. Unklar ist, ob es an den ausgewählten Themen liegt oder ob es eine Frage des Alters ist. Als junge Parteimitglieder genießen sie die Freiheit, ihre eigene Meinung sagen zu können und nicht zwangsläufig die Parteilinie herunterbeten zu müssen. Manchmal sei es eben auch ein Vorteil, dass man noch nicht auf seine Äußerungen aus vergangenen Tagen festgenagelt werden könne, sagt Birkenhauer.

Sterzer und Pilsinger hätten viel zu besprechen: Der Ring politischer Jugend, dem alle Parteien angehören, hat einen jährlich wechselnden Vorsitz. Sterzer möchte ihr Amt an Pilsinger abgeben. Dazu müsste sie ihn jedoch erreichen. Bei der Gelegenheit könnte sie dann auch über ihr gemeinsames Herzensthema Wohnungsbau sprechen. Die promovierende Bauingenieurin weiß schließlich, wovon sie spricht. Miteinander statt gegeneinander spielen? Die Großen im Rathaus machen es vor.

Im Team spielen, das kennen vor allem die Grünen. Zusammen mit Tomke Schöningh bildet Rohrlack die Doppelspitze der Jungen Grünen. Nach Fukushima entschied sich der Soziologiestudent, politisch aktiv zu werden. Heute sind es vor allem Fragen der Gleichstellung, die ihn umtreiben. Auf dem Christopher-Street-Day 2015 wurde er, als Drag Queen verkleidet, sogar blutig geschlagen.

Legales Cannabis ist für Rohrlack kein vorrangiges Thema. Anders bei den Julis: Für sie steht die persönliche Freiheit über allem. Darunter fällt selbstbestimmter und legaler Cannabiskonsum genauso wie die Freiheit der Märkte. Als Mensch frei sein ohne Einmischung vom Staat, das will Birkenhauer, der Mathematik und Volkswirtschaftslehre studiert. Deshalb will er nicht sofort in die Politik, sondern erst mal in die freie Wirtschaft. Finanziell unabhängig von der Partei - nur so könne man seinen politischen Idealen treu bleiben, sagt Birkenhauer. Da sind sich die Vorsitzenden von Julis und Jusos einig.

Pilsinger hingegen träumt von einer Karriere in der Partei. Daran arbeitet er zielstrebig. Arzt könnte er ja immer noch werden. Nach einer Nachtschicht in einem Landshuter Krankenhaus fährt er deshalb sofort in sein eigenes Büro unweit der Nymphenburger Straße. Kein Franz-Josef Strauß-Plakat an der Wand, dafür ein Kreuz. Kein Trachtenjanker, dafür eine Burberry-Jacke.

Als Jugendlicher empfand er sich als Rebell, weil er sich zur CSU bekannte. So ist es noch heute. Denn obwohl die CSU in Bayern der Platzhirsch ist, beschreibt er sie in München als den "Underdog". In München die Grünen zu wählen, müsse man sich leisten können: Die Mutter, die im SUV vorm Bio-Supermarkt vorfährt und sich über Massentierhaltung beklagt, der Mann im maßgeschneiderten Dreiteiler, der sagt, der Sprit könne ruhig teurer werden - Sinnbilder für die Sorgen der Oberschicht.

Die CSU hingegen sei die Partei des kleinen Mannes. "Ich bin Arzt und kein Philosoph", sagt Pilsinger. Wenn Patienten nachts um drei in die Klinik kommen und einfach nur reden wollen, dann nimmt er sich die Zeit und hört zu. Voller Inbrunst spricht er über Kohl und Strauß, denen wegen ihrer Volksnähe der ein oder andere politische Fauxpas verziehen wurde. Politik sei wie Schafkopf, man müsse seine Karten nur gut spielen, sagt Pilsinger.

Auch der Grüne Rohrlack hat politische Ambitionen. Ganz offen spricht er über seine Pläne, 2017 für den Bundestag zu kandidieren, stilecht schon mit seriösem Jackett und den obligatorischen grünen Socken. Zu seinen bisherigen politischen Erfolgen zählt er die Ablehnung von Olympia in München. Ihren Ursprung hatte die Idee in den Konferenzräumen der Jungen Grünen. Diese sind gleichzeitig Rohrlacks Arbeitsplatz, einen eigenen Schreibtisch hat er nicht. Seiner Freude am Organisieren tut das jedoch keinen Abbruch. Zwischen aufgerollten Fahnen, "Nazis? Nein Danke"- und Anti-Atomkraft-Stickern hat er sein politisches Zuhause am Sendlinger Tor gefunden. Mit der Realpolitik vom grünen Erfolgspolitiker Kretschmann hadert er trotzdem. Seine großväterliche Art zieht bei jungen Grünen wie Rohrlack nicht. Aber lieber Kretsch, wie er ihn nennt, als Opposition.

Nur ein paar Häuser von den Jungen Grünen entfernt haben die Jusos ihren Sitz. Sterzer blickt von ihrem Büro im vierten Stock direkt auf die Hauptfeuerwache. Es waren die hitzigen Diskussionen, die sie vor zwölf Jahren zur SPD brachten. Sie streitet gerne. Das Verhältnis zur Mutterpartei SPD beschreibt sie als kritisch-solidarisch. Sie steht zu Gabriel als Parteivorsitzenden. Dass er gleichzeitig Wirtschaftsminister ist, gefällt ihr nicht. Sterzer steht als Juso-Vorsitzende für eine Politik der sozialen Gerechtigkeit. Für die kämpft die heimatverbundene Sterzer aber lieber auf Kommunalebene als in der Hauptstadt. Besonders stolz ist sie auf das Wohnheim für Auszubildende, das die Jusos ins Leben gerufen haben. Bei der SPD kann man in München etwas bewegen, denn hier ist Rot oft genug Trumpf.

Im Bahnhofsviertel, zwischen einem Juwelier und einer Dönerbude, steht auf einem unscheinbaren Schild FDP Bayern. Im selben Haus findet man auch die Julis. Sie alle teilen sich die Räumlichkeiten mit dem Kinderschutzbund. Die Wahlschlappe 2014 zwang die Partei zu einem Neuanfang und war gleichzeitig der Startschuss für Birkenhauer. Er ist kein Typ für halbe Sachen, deshalb hat er sich auch gleich für das Amt des Vorsitzenden zur Verfügung gestellt. Warum ausgerechnet bei den Julis? "Weil es mein verdammtes Recht ist, auch unvernünftig sein zu dürfen und dafür steht die FDP", sagt Birkenhauer, der optisch an den jungen Westerwelle erinnert.

Noch stehen vier Stühle auf dem Podium. Nur drei sind besetzt. Schon bald könnte jedoch ein fünfter Stuhl dazugestellt werden. Die AfD will mitspielen.