Herzogpark:Ganz geheime Bäume ohne jeden Zaun

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Die Großen und die Kleinen wollen im nördlichen Herzogpark, genauer im Grüntal, keinen künstlichen Spielplatz - sie streiten für Natur pur

Von Nicole Graner, Herzogpark

"Masi" heißt einer. Oder "Totes Flugzeug". Einige Bäume im nördlichen Herzogpark, genauer im Grüntal, haben Namen. Ganz eigene. So wie sie eben nur Kinder erfinden. Und so erklärt die zehn Jahre alte Annabelle Kniehase, dass es auch noch einen "geheimen Baum" gibt. Wo der wohl steht? - "Wird nicht verraten", sagt sie und lacht verschmitzt, "sonst wäre er ja auch nimmer geheim". Überhaupt lieben Annabelle und ihre Freunde dieses grüne Eckchen, diesen Naturspielplatz mit dem kleinen Brunnbach ganz in der Nähe von ihrem Zuhause.

Nun könnte - ginge es nach der SPD im Bezirksausschuss Bogenhausen (BA), der Stadt München und einem Teil der Anwohner - auf einem Großteil des Wiesengrundes ein Spielplatz entstehen. Mit Sandbagger, Balancierschlange und umgeben von einem 80 Zentimeter hohen Zaun. Die CSU ist gegen den Spielplatz - so strikt wie viele andere Anwohner. Und wie Annabelle: "Ich und meine Freunde wollen keinen künstlichen Spielplatz. Das alles hier ist doch viel schöner ohne Zaun."

Seit Jahren geht es im Ausschuss um diesen Spielplatz, seit Jahren wird nach Argumenten pro und contra Spielplatz gesucht. Es ging in den vielen Diskussionen um den Landschaftsschutz, den Schneckenschutz, den Schutz der Kinder vor Hunden, um soziale Kontakte, die Kinder knüpfen könnten, und um den Bedarf. Ines Fritz, die dem BA vor zwei Jahren eine Unterschriftenliste von 28 Familien mit 59 Kindern überreicht hatte, will ganz generell einen in ihrer Nähe. "Letztlich ist es mir egal, wo er gebaut wird, Hauptsache hier in der Nähe", sagt sie an dem Tag, als sich Befürworter und Gegner, Anwohner und Lokalpolitiker zu einem Ortstermin im Grüntal treffen. Wieder ein Ortstermin, der endlich eine Entscheidung bringen, endlich den Vorhang fallen lassen soll in jenem drögen Theaterstück mit unzähligen Akten.

Noch einmal werfen die Anwohner ihre Argumente in die Waagschale. Mit Wucht und Verve. Die Natur soll im Grüntal so bleiben, sie selbst sei der beste Spielplatz. "Macht die schöne Natur nicht kaputt" steht auf einem kleinen Plakat, das Kinder gemalt haben. Man brauche hier keine Balancierschlange, schon gar keinen Zaun. Es genügten eine Picknickdecke und ein Ball. Es wäre ein Frevel, diese unberührte Natur zu bebauen, glauben andere. Und Ainhoa Garcia, die seit zehn Jahren mit ihrer Familie in der Nähe wohnt, bringt es auf den Punkt: "Es ist ein Luxus, hier mitten in der Stadt in der Natur spielen zu können. Es ist ein Traum."

Bebaut würde ja nicht alles, betont Karin Vetterle (SPD). Bei 25 auf 20 Metern Spielplatzfläche bliebe noch genug Platz für Wiese und Hunde. "Ein paar Bänke dazu", sagt sie, "dann könnte man beides vereinen, Spielplatz und Natur". Mit diesem kleinen Zaun würde man, so Vetterle weiter, die Kinder nicht "einsperren", auch diene der Zaun, so ein Anwohner, dem Schutz vor den Hunden. Kinder würden sowieso nie auf der Wiese spielen. Für und wider - das gleiche Spiel mit dem Austausch von Argumenten an der Wiese des Grüntals wie schon Monate zuvor. Später, zur eigens einberufenen Sondersitzung der Unterausschüsse Planung und Bildung, Kultur, Sport und Soziales, dann noch einmal eine Unterschriftenliste mit 390 Namen gegen den Spielplatz und das letzte Wort der "Regisseure" mit allen Argumenten. Maßgeblich entscheidend sei für ihn am Ende aber, so betont Tassilo Strobl (CSU), der "Bürgerwille": Die Mehrheit, das habe der Ortstermin gezeigt, wolle eine Versiegelung im Grüntal nicht. "Das ist ein klarer Auftrag an uns." Von der Bereicherung, die ein Spielplatz für die Kinder bringen würde, bis hin zu Erinnerungen an das Spielen in Ruinen nach dem Krieg, von der unberührten Natur, den Hunden und Versiegelung des Grundes - der Spielplatz hatte es am Ende schwer.

Robert Brannekämpers (CSU) Plädoyer am Schluss: Das Grüntal sei Natur pur, die Wiese würde beim Bau des Spielplatzes fast mittig durchschnitten, und Kinder sollten nicht auf einer abgezirkelten Fläche mit Spielgeräten spielen können, sondern "in einem Freiraum". Und Brannekämper wird nostalgisch, erinnert sich an seine Kindheitstage und das "Kaulquappen fangen" im Fluss: "Das Grüntal ist ein wunderbarer Platz und ein Paradies für Kinder."

In der Sondersitzung entschied man sich mit knappem Votum zwar gegen den Spielplatz - aber nicht einstimmig. Somit dürfte das Ganze im kommenden Bezirksausschuss-Plenum noch einmal auf der Tagesordnung stehen und in der Sitzung diskutiert werden.

Annabelle Kniehase wird sich - auch wenn sie bei der Sondersitzung nicht dabei war - vielleicht über den kleinen Etappensieg freuen und, falls der Spielplatz nicht kommen sollte, mit ihren Freunden bestimmt neue Namen für ihre Bäume im Grüntal erfinden.

© SZ vom 04.05.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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