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Hertzkammer:Leere und Fülle

Okkyung Lee

Frühlingsgrüße aus Sejong: Die Experimental-Komponistin Okkyung Lee steuert einen audiovisuellen Beitrag aus der südkoreanischen Planstadt zur 30. Ausgabe der Reihe "Frameless" bei.

(Foto: Lasse Marhaug)

Die Art-Pop-Reihe "Frameless" blickt nach Sejong und New York

Von Martin Pfnür

Geisterhafte Leere spricht aus den Bildern. Verwaiste Grünanlagen und Hochhäuser, Plätze und Straßenkreuzungen rücken da zu melancholisch wogenden Cello-Klängen ins Blickfeld, bis sich die Harmonien langsam auflösen und von einem fiesen Saitenknarzen überlagert werden, das der regennassen Tristesse des Gezeigten einen noch dystopischeren Charakter verleiht. "Spring time yet again" heißt der halbstündige audiovisuelle Beitrag, den die koreanische Komponistin Okkyung Lee aus Sejong für die kommende Ausgabe der Experimentalmusik-Reihe "Frameless" beisteuert. Es sind Eindrücke aus der Fremde, die in ihren Kontrasten zwischen dem Nachtschwarzen und dem Taghellen, zwischen meditativen Naturimpressionen und der architektonischen Kühle der künstlich hochgezogenen Planstadt auch die Gefühlslage der Künstlerin widerspiegeln, die zu Beginn der Pandemie aus den USA zurück nach Südkorea zog, um dort ihrer Familie nahe zu sein.

Mit feinem Gespür für die seltsame Atmosphäre zwischen dem Erwachen der Natur in der Stadt und der Abwesenheit des Menschen nimmt Lee den Betrachter mit auf einen Streifzug durch die pandemische Leere der auch ihr noch unbekannten Smart-City, dem sie musikalisch mit einer expressiven Komposition zwischen Cello und Piano, Field-Recordings und elektronischen Soundscapes entspricht.

Nicht minder spannend der Beitrag des britischen Produzenten Janek Schaefer, der sich als Erfinder des "Tri-phonic Turntables", einem Plattenspieler mit drei Tonabnehmern und einer Vielzahl an Spezialfunktionen, einst einen Eintrag im Guinessbuch der Rekorde für den vielseitigsten Plattenspieler der Welt sicherte. Als Meister des Ambienten und Astralen wird Schaefer bei seinem ersten Konzert seit anderthalb Jahren mit einem Vierspurrekorder, Haufenweise Vinyl und einem Tonbandgerät in seinem Heimstudio zu erleben sein. Im Verbund mit dem New Yorker Medienkünstler Mark Dorf, der in seiner Videoinstallation "Contours" eine Vision entwickelt, wie dem Kollaps der Umwelt im Anthropozän zu entkommen ist, und eine neue Form von Natur vorstellbar wird, verspricht auch diese abermalige Online-Ausgabe von "Frameless" einen anregenden Streaming-Abend.

Frameless 30, Freitag, 14. Mai, 20 Uhr, 24 Stunden online auf www.frameless-muenchen.de

© SZ vom 14.05.2021
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