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Hertzkammer:Grundkurs House

Das neue Album von DJ Hell ist eine grandiose Geschichtsstunde

Von Martin Pfnür

Der vierte Track auf DJ Hells neuem Album "House Music Box (Past Present No Future)" nimmt gerade ordentlich Anlauf, als der bairische Techno-Grandseigneur via Sample zur Verkündung froher Botschaft schreitet. "House Music is from Chicago", erklärt uns eine salbungsvolle Stimme unbekannter Herkunft, um dann nicht ohne Stolz auch darauf hinzuweisen, dass Acid und Techno wiederum vom House abstammten. Der schlichte Titel dieses Proto-House-Lehrstücks: "House Music".

Es ist tatsächlich nichts weniger als eine Art tanzbarer Musikunterricht, was Helmut Geier alias DJ Hell auf seinen jüngsten Alben betreibt. Ging es auf "Zukunftsmusik" noch zurück in jene Zeit, in der sich der Pop elektrifizierte und Kraftwerk Pionierarbeit leisteten, so hat sich der 58-Jährige nun weiter in die Achtziger und Neunziger vorangearbeitet. Steckt doch allein im Titel schon eine Hommage an den Chicagoer Club Music Box, der einst aus dem legendären Warehouse hervorging, auf dessen Tanzboden sich die Verwandlung von Disco und R'n'B gen House vollzog.

Und wo er schon mal dabei ist, baut Hell seinen Referenzrahmen hier immer weiter aus, indem er zum einen mit brillanten Nummern wie "The Electrifying Mojo" oder "Tonstrom" feine Verstrebungen in Richtung Deep House, Minimal Techno oder auch jener helleren Atmosphären nachzeichnet, die sich auf Ibiza als Balearic Beat herausbildeten. Zum anderen scheint er zuletzt eine derartige Lust am Zitat entwickelt zu haben, dass er die House-Genese als thematische Klammer nicht selten lustvoll sprengt: Mal mit Jimi Hendrix, der im gleichnamigen Track per Sample aus seinem letzten Interview darüber klagt, rein gar nichts mehr zu fühlen. Mal mit Hip-Hop-Wegbereiter Gil Scott-Heron, dessen groovy Spoken-Word-Konsumkritik "The Revolution Will Not Be Televised" von Hell kurzerhand als "The Revolution Will Be Televised" in unser Zeitalter der allgemeinen Bildschirmfixierung überführt wird. Sollte man sich anhören!

© SZ vom 02.01.2021
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