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Hertie in Giesing und Laim:Abverkauf und Abschiedsgruß

Die Regale sind weitgehend leer, die Lager geräumt: Am Samstag schließen die Hertie-Kaufhäuser in Giesing und Laim.

Florian Meyer

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Die Regale sind weitgehend leer, die Lager geräumt: Am Samstag schließen die Hertie-Kaufhäuser in Giesing und Laim.

Einen letzten Scherz haben sich die Münchner Hertie-Mitarbeiter nicht verkneifen können. In großen Buchstaben ist er im Schaufenster des Kaufhauses an der Tegernseer Landstraße zu lesen: "Hertie sagt: Buy Buy!" - auf Deutsch: "Kauf, kauf!" Der Spruch ist Werbung für den Abverkauf und Abschiedsgruß zugleich. In Laim und Giesing schließt Hertie am Samstag für immer.

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In der letzten Woche vor dem Ende der Warenhäuser gleichen die Hertie-Filialen eher Markthallen als Kaufhäusern. Alle Waren müssen raus aus den Geschäftsräumen und Lagern. 70 Prozent Nachlass an der Kasse schaffen eine Stimmung wie auf einem Basar: Kunden durchwühlen die Kleiderberge, Frauen blättern in den wenigen verbliebenen Büchern und Kinder suchen die Regale nach günstigen Videospielen ab.

In der letzten Woche stehen die Kunden noch einmal Schlange. "Der Abverkauf läuft nach Plan", sagt Günter Dechant, Geschäftsleiter der Laimer Filiale. "Bis auf fünf Prozent unserer Ware werden wir am Samstag alles verkauft haben", sagt Dechant. Vieles ist jetzt schon weg.

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Auch in der Tegernseer Landstraße finden die Kunden kaum noch Schnäppchen. "Alles für zehn Euro!", ruft eine Verkäuferin einer älteren Dame zu, die sich eine rot-grüne Edelsteinkette um den Hals gelegt hat. Doch die Kundin legt den Schmuck zurück, "die schönen Ketten sind alle schon weg", klagt sie. Auch die meisten Drogerieartikel sind bereits verkauft, die kleine Musikabteilung ist bis auf wenige CDs leer.

Andy Borgs Weihnachtshits des vergangenen Jahres stehen verlassen im Regal. Der Großteil des Untergeschosses ist abgesperrt, vier Christbäume aus Plastik liegen verloren zwischen Bücherregalen, Zeitschriftenständern und Wühltischen, die Kassen sind nicht besetzt, neben der Rolltreppe stehen die unbekleideten Schaufensterpuppen.

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Im Erdgeschoss aber brummt das Geschäft - vorerst noch. Den Menschen in Giesing werde das Kaufhaus fehlen, sagt die Anwohnerin Inge Lohmüller: "Hertie hinterlässt eine große Lücke hier im Stadtteil." Lohmüller kann jetzt nicht mehr wie gewohnt zu Fuß zum Einkaufen gehen.

Von kommender Woche an muss sie 20 Minuten mit dem Fahrrad zum nächsten Kaufhaus fahren. Deshalb wollte Lohmüller am Donnerstag ein letztes Mal bei Hertie einkaufen. Doch die Kunden vor ihr waren gründlich: Sie hat nichts mehr gefunden.

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Auch in Laim haben die Kunden den Ausverkauf genutzt. Das ganze Kaufhaus ist ein einziger Wühltisch. Jeans, Handtaschen und Kinderpullover liegen auf den Tischen. An der Pinnwand vor dem Aufenthaltsraum hängen noch die Bilder der Demonstrationen. Entschlossen hatten sich die Verkäuferinnen Anfang des Jahres vor dem Kaufhaus aufgebaut. "Wir wehren uns", stand auf den Transparenten. Heute kämpfen die Angestellten nicht mehr. Im Filialbüro liegen die Schilder mit den Abschiedsgrüßen an die Kunden schon bereit.

"Wir konnten uns nie vorstellen, dass es Hertie eines Tages nicht mehr gibt", sagt Christina Radinger. Seit 42 Jahren arbeitet sie im Hertie-Filialbüro in der Fürstenrieder Straße. Bis Mai hatte sie noch gehofft, dass sich neue Investoren für die ertragreichen Münchner Läden finden. Jetzt suchen Radinger und die anderen 36 Mitarbeiter der Laimer Hertie-Filiale nach neuen Stellen.

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Über ihre Zukunft reden wollen die Angestellten nicht. "Mittlerweile fragen auch die Kunden, wo unsere Mitarbeiter demnächst arbeiten werden", erklärt Geschäftsleiter Günter Dechant. "Das geht allen an die Substanz." Sechs Angestellte seien bereits bei Läden in der Innenstadt untergekommen. Die anderen suchen noch.

Die benachbarten Einzelhändler aus Giesing und Laim leiden ebenfalls unter der Insolvenz der Kaufhauskette. "Hertie war ein Magnet", sagt Josef Karl Federle, Inhaber der Heilig-Kreuz-Apotheke an der Tegernseer Landstraße. "Die Insolvenz trifft hier alle Geschäfte mit Laufkundschaft." Ercan Tekes gehört ein Fahrradladen in der Nähe des Tegernseer Platzes. Er hofft, dass sich wieder ein großes Kaufhaus an der Stelle von Hertie ansiedelt.

"Wir haben zwar viele Stammkunden", sagt Tekes, "aber die kommen vielleicht nicht mehr, wenn es Hertie nicht mehr gibt." Auch in Laim hoffen die Einzelhändler, dass wieder ein Kaufhaus in das Hertie-Gebäude einzieht. "Die Fürstenrieder Straße soll eine Flaniermeile bleiben", sagt Christian Particus. Sein Optikladen liegt direkt neben Hertie. "Wir brauchen ein Kaufhaus in Laim - gerade für die ältere Kundschaft", sagt er. Doch weder in Laim noch in Giesing steht bisher fest, was aus den Gebäuden wird.

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(SZ vom 07.08.2009/Florian Meyer)

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