Nachruf:Trauer um die Galionsfigur der Generalwissenschaften

Lesezeit: 2 min

Der Science-Fiction-Autor, Vordenker und Wissenschaftler Herbert Werner Franke ist im Alter von 95 Jahren gestorben.

Von Claudia Koestler

"Herbert ist heute zu den Sternen gegangen": Mit diesen Worten hat Susanne Päch Freunden und Bekannten am Samstag mitgeteilt, dass ihr Ehemann Herbert Werner Franke gestorben ist. Der global bekannte Science-Fiction-Autor, Höhlenforscher, Wissenschaftler, Mitbegründer der Ars Electronica, Pionier der Computerkunst und Vordenker des Metaverse wurde 95 Jahre alt. Von einem Treppensturz mit Rippenbrüchen hat er sich nicht mehr erholt.

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wer hätte gedacht, dass so manches seiner Geheimnisse ausgerechnet in Egling im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gelüftet wurde. In einem fast schon einsam zu nennenden Idyll lebte und arbeitete dort Herbert W. Franke. Die mannigfachen Tätigkeitsfelder, bahnbrechenden Errungenschaften und zahlreiche Welten, die Franke entdeckt, erforscht oder beschrieben hat, sind kaum in einen Text zu packen. Doch egal, ob in der Wissenschaft oder Kunst: Es war stets die Neugierde, die Franke angetrieben hat, und die ihn zum Wegbereiter auf vielerlei Ebenen werden ließ.

Geboren wurde Franke am 14. Mai 1927 in Wien. Nach dem Kriegsende studierte er Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie. Nach seiner Promotion war es jedoch schwer, in Österreich eine Stelle zu finden, weshalb er nach Deutschland ging. Aufnahmen aus der wissenschaftlichen Fotografie brachten ihn auf die Idee, die Instrumente für Darstellungsexperimente zu nutzen.

Mit den ersten Rechensystemen programmierte er die ersten Bilder: Mathematische Berechnungen und Matrizen wurden zu oszillierenden Graphen und Formationen. Doch um Ästhetik alleine ging es ihm nie, sondern um das Verstehen, warum etwas als schön empfunden wird. Für ihn war die Suche nach Erklärungen und Formeln auch eine Möglichkeit, Menschen an die Wissenschaft heranzuführen.

Der vielfach Interessierte hat Höhlen erforscht und Science-Fiction geschrieben

Franke wandte sich auch der Höhlenforschung zu und begann zudem, Utopien und Dystopien zu schreiben, Geschichten über die Zukunft also, heute "Science-Fiction" genannt. Bald wurde er zu einem von Europas bekanntesten Autoren in dem Genre und seine Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt. Viele seiner bereits in den Fünfzigerjahren und später beschriebenen Welten leben heute in Hollywood-Blockbustern weiter.

Doch seine Schriften sind keine Wahrsagerei: "Ich bin Naturwissenschaftler, ich suche nach begründbarem Wissen und Erkenntnissen. Irrationales interessiert mich wenig", sagte das PEN-Deutschland-Mitglied einst. "Ich beschränke mich auf das, was es wirklich geben könnte, künstliche Intelligenz etwa oder Formen von totalitären Systemen." Er verstand seine Geschichten auch als Warnung: "Ich möchte die Menschen vorbereiten auf das, was auf uns zukommen und was die Folgen unserer Entdeckungen sein könnten."

Nachruf: Herbert W. Franke vor einer Sammlung in seinem Haus in Egling im Landkreis im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Das Bild entstand im Jahr 2017.

Herbert W. Franke vor einer Sammlung in seinem Haus in Egling im Landkreis im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Das Bild entstand im Jahr 2017.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das österreichische Bundeskulturministerium verlieh ihm 2007 das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. Zu seinem 95. Geburtstag im Mai dieses Jahres widmete ihm Oberösterreich eine umfassende Ausstellung im Francisco Carolinum in Linz, die erst vor wenigen Tagen endete. Die Gedanken an die Zukunft ließen ihn auch im hohen Alter nicht los, und so setzte sich der Mitbegründer der Ars Electronica und Pionier der Computerkunst auch intensiv mit der aktuellen Krypto-Kunstszene auseinander. Im Juni 2022 versteigerte er noch 100 seiner Kunstwerke als digitale NFT-Zertifikate, um mit dem Erlös die Gründung einer Stiftung zu finanzieren.

Auf seinem Twitter-Account hat Päch auf Englisch bekanntgegeben, dass Franke sich gerne als den "Dinosaurier der Computerkunst" bezeichnet habe. Nun sei sie "am Boden zerstört, verkünden zu müssen, dass unser geliebter Dinosaurier die Erde verlassen hat". Aber: Er sei "in dem Wissen gestorben, dass eine Gemeinschaft von Künstlern und Kunstbegeisterten seine Arbeit zutiefst schätzt und sich um seine Kunst und sein Vermächtnis kümmert".

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