Pop-Gespräch:Pumpernickel statt Toastbrot

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Pop-Gespräch: "Lies doch mal diesen Bananentext": Michael Lentz (links) entlockte Herbert Grönemeyer sehr amüsant, wie seine Songs entstehen.

"Lies doch mal diesen Bananentext": Michael Lentz (links) entlockte Herbert Grönemeyer sehr amüsant, wie seine Songs entstehen.

(Foto: Oliver Hochkeppel)

Herbert Grönemeyer legt Michael Lentz im Münchner Uni-Hörsaal seine Arbeitsweise offen.

Von Oliver Hochkeppel

Mit jedem würde sich Herbert Grönemeyer sicher nicht auf eine Exegese seiner Songtexte einlassen. Der erfolgreichste deutsche Pop-Musiker - sein Album "Mensch" ist nach "Dirty Dancing" das hierzulande meistverkaufte, weit vor den Beatles oder Michael Jackson - verfügt mit Recht über ein robustes Selbstbewusstsein ("Ich singe nicht komisch, ich singe sehr, sehr gut"). Einem Michael Lentz aber gestattete er dies in einer vom Lyrik Kabinett anberaumten Sonderausgabe von "Münchner Reden zur Poesie" im großen Hörsaal 140 der Ludwig-Maximilians-Universität mit sichtlicher Freude.

Zum einen wohl, weil Lentz nicht nur Lautpoet und Schriftsteller ist, sondern auch selbst Musiker. Zum anderen, weil sich beide schon lange kennen und als Verbündete fühlen, wenn es darum geht, Alltagssprache salonfähig zu machen: Schon 2003 erhob Lentz Grönemeyer (neben Sören Kierkegaard) zu einer Referenzfigur in seinem Roman "Liebeserklärung"; im selben Jahr war ein Gespräch von beiden auf der DVD von "Mensch. Live" zu sehen; im Jahr darauf führte Lentz mit einem Essay in Grönemeyers opulentem Band "Liedtexte und Bilder von 1980 - 2004"; 2015 schließlich eröffnete ein Podiumsgespräch der beiden die lit.cologne.

Eine Gesprächsfortsetzung war dies also, worauf auch Holger Pils vom Lyrik Kabinett in seiner Begrüßung und Literaturprofessor Frieder von Ammon in seiner erfreulich pointierten, erfreulich persönlichen und erfreulich kurzen ("selten war ein Publikum weniger erpicht auf einen Vorredner") Einführung hinwiesen.

Die Textfindung ist eine "unglaubliche Tüftelei"

Lentz musste sich also Grönemeyers Arbeitsweise nicht lange erklären lassen, er konnte sie gleich selbst beschreiben. Grönemeyer musste oft nur noch exemplarisch und anekdotisch auffüllen, dass bei ihm immer zuerst die Melodie und die Musik entsteht; dass er dabei englische "Bananentexte" singt, also sinnfreie Lautmalerei (was er dann auch am Keyboard vorführte); dass dann ein deutscher Blindtext sozusagen als Schablone drüberkommt; und schließlich die eigentliche "unglaubliche Tüftelei" beginnt, den Text zu finden, der dazu passt.

Umso mehr konnte man so ins Detail gehen. Selten ist die konkrete Arbeit an einem Song plastischer vor Augen geführt worden, eine Arbeit, die jedes Mal "eine Folter ist", wie Grönemeyer feststellte, die überhaupt nur durch rigide Deadlines in Gang kommt und die bis zur letzten Minute andauert, weshalb die im Booklet gedruckten Songtexte mitunter von den tatsächlich gesungenen abweichen. Ringbücher und Stifte werden da gekauft, alles gesammelt, "was passiert ist und mich beschäftigt hat" und zu einem Stimmungsbild verdichtet. Und dann wird bis zur Verzweiflung der näheren Umgebung durchgeschrieben. "Für die 14 Songs meines neuen Albums habe ich bestimmt 110 Texte geschrieben."

Nicht nur die spannendsten, sondern auch die lustigsten Erkenntnisse ergaben sich aus Lentz' Trick, in die Rolle des akademischen Kritikers zu schlüpfen, der sprachgewandt und vorwitzig analysiert, welche Regeln Grönemeyer missachtet, um zu attestieren, dass es dann doch funktioniert. Das ergab heitere Verteidigungsreden, etwa in Sachen Verständlichkeit: "Bei meinem Vorbild Bob Dylan versteht man kein Wort. Und er kriegt den Literatur-Nobelpreis."

Der erste Satz muss sitzen

Und es führte zu grundsätzlichen Erkenntnissen, die nicht nur für Grönemeyers Werk gelten. Dass die deutsche Sprache in der Musik präziser, spröder und perkussiver ist als das weichere und elegantere Englisch beispielsweise, "Pumpernickel statt Toastbrot sozusagen". Dass der erste Satz sitzen muss, man einen Reim für einen guten Satz opfern und sich von einem Text nicht das Lied kaputt machen lassen darf. Schließlich, dass sich Songs auch für ihre Schöpfer oft erst nach Jahren erklären: "Es ist immer eine Momentaufnahme, wie ein Bild am Strand, das sagt: ,So sah das vor zehn Jahren aus.' Letztendlich stellt man ein Mysterium in die Welt."

Am Ende war jedenfalls ganz klar, wie sehr ein guter Song von der Hingabe seines Schöpfers lebt. Und wie stark ein Podiumsgespräch vom Esprit seiner Teilnehmer.

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